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Dossier: Exzellenz und Elite – Wohin steuert das Bildungswesen?

Das deutsche Bildungswesen ist in den letzten Jahren vielfach reformiert worden. Exzellenzinitiative und Elite sind zwei zentrale Leitworte und Referenzrahmen für die tief greifenden Einschnitte und Veränderungen. „Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ hat sich bekanntlich schon Friedrich Nietzsche Gedanken gemacht. Demnach wurde der Schwerpunkt der – durch die Berliner Wirtschaftsgespräche mit Unterstützung der DKB ausgerichteten – Podiumsdiskussion Exzellenz und Elite – Wohin steuert das Bildungswesen? auch nicht auf die Frage nach der Zukunft sondern auf die Gegenwart der Universitäten und die Begriffe Exzellenz und Elite zentriert.

Das Podium war mit Dr. Norbert Bensel (Vorstand für Transport & Logistik, Deutsche Bahn AG) und Dr. Reinhard Uppenkamp (Vorstandsvorsitzender, Berlin-Chemie AG) als Unternehmensvertreter, aber auch mit Prof. Dr. Michael Hartmann (Lehrstuhl für Soziologie, TU Darmstadt), Prof. Dr. Richard Münch (Lehrstuhl für Soziologie, Universität Bamberg) und Prof. Dr. Herfried Münkler (Lehrbereich Theorie der Politik, Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin) als Repräsentanten einer kritischen Elite- und Exzellenzforschung hochkarätig besetzt. Flankiert und ergänzt, wurden diese Positionen durch Wolf-Michael Catenhusen, den ehem. Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung und mitverantwortlich für die politische Wegbereitung der aktuellen Bildungsentwicklungen. Dr. Ursula Weidenfeld, Chefredakteurin Wirtschaftsmagazin Impulse, moderierte den Abend dynamisch und fokussierte zwei Aspekte.

DO Uppenkamp HartmannjpgDr. Reinhard Uppenkamp und Prof. Dr. Michael Hartmann

I ‚Elite’ aus der Innenperspektive von Unternehmen

Wie viel und welche Elite braucht die Wirtschaft – Vom Nutzen und Nachteil der Reformen

Norbert Bensel umriss für sein Unternehmen recht deutlich das Bild einer wirtschaftstauglichen Elite: Sie müsse engagiert sein, soziale Verantwortung und Kompetenz aufweisen und eine Persönlichkeitsbildung erkennen lassen. Hochschulen leisten dies derzeit noch nicht ganzheitlich genug. Die derzeitige Entwicklung hin zu mehr Wettbewerb an den Hochschulen und der Ausbau privater Universitäten sei jedoch die richtige Weichenstellung. Deutlich kritisierte Bensel die Finanzierung der Hochschulen als ausbaufähig und dementsprechend noch immer nicht ganz zufrieden stellend. Dennoch sei die Trendwende an den internationalen Anschluss erreicht und müsse nun weiter ausgebaut werden. Auch Michael Catenhusen plädiert aus politischer Perspektive und als Wegbereiter der Reformen dafür, zusätzliches Geld in die deutschen Universitäten fließen zu lassen. Eine reine Umschichtung würde nicht weit tragen und die aus politischer Sicht positiven Veränderungen im Keim ersticken.

Reinhard Uppenkamp konstatierte für die Naturwissenschaften, insbesondere für die klinische Forschung einen eindeutig positiven Entwicklungsboom in Deutschland. Auch wenn Norbert Bensel hinzufügte: Man habe sich zwar deutlich weiterentwickelt, aber zum amerikanischen und auch chinesischen Markt noch nicht aufgeschlossen. Für diese Länder wurde ein größer Bildungshunger und ein stärkeres Bedürfnis nach Weiterqualifizierung konstatiert. Deutlich wurde auch, dass beide Unternehmensvertreter, sich nicht auf die zukünftigen Absolventen der ‚Eliteuniversitäten verlassen, sondern den Bedarf an sehr gut qualifizierten Mitarbeitern durch interne Qualifizierungs- und Weiterbildungsstrategien ergänzen.

Sichert die konzentrierte‚Elite’-Förderung den Nachwuchs an Fachkräften?

Die Breite in der Förderung muss nach Ansicht von Norbert Bensel und Reinhard Uppenkamp erhalten bleiben. Deshalb kümmert sich ein Unternehmen wie die Berlin-Chemie AG bereits frühzeitig um den Nachwuchs. Interessanter Weise liegt der Fokus der Berlin-Chemie AG nicht so sehr auf den Studenten sondern eher auf den Schülern und Auszubildenden. Es schickt eigene Mitarbeiter in Schulen, um vor Ort einen Erfahrungsaustausch im Bereich der Naturwissenschaften stattfinden zu lassen. Die eigene Fachkräftesicherung wird also bereits an der Basis in den Blick genommen. Berlin-Chemie hat darüber hinaus ein eigenes Stipendiensystem für die Weiterqualifizierung und Ausbildung ihrer Mitarbeiter.

Mit Blick auf die Verschiebung der Kräfteverhältnisse und die Entwicklungen in der Welt, scheinen Unternehmen nicht länger darauf warten zu wollen, dass sich langsam im Bildungsbereich etwas verändert. Sie haben eine klare Botschaft – auch an die Politik –: Es reicht nicht ein leistungsfähiges Bildungssystem von der Wiege bis zur Bahre zu etabliert. Es muss auch durch den Staat ausreichend finanziert werden.

DOBensel Münkler
Prof.  Dr. Herfried Münkler und Dr. Norbert Bensel

II ‚Elite’ Aus der Innenperspektive der Forschung

Wie fühlt sich die Eliteforschung mit dem auf die Wirtschaft zugeschnittenen Elitebegriff?

Orientiert an den Ausführungen von Herrn Bensel und Herrn Uppenkamp ließe sich die Frage formulieren, ob die Elite-Universitäten und damit der ‚Elite’-Begriff den Anforderungen der Wirtschaft noch immer nicht genügen?

Herfried Münkler eröffnete seine Antwort auf diesen Komplex mit einer Differenzierung der Zuständigkeiten der Universitäten. Zum einen stünden Universitäten in Deutschland in einer langen Tradition von Forschung und Lehre. Die Aufgabe bestand also nicht darin für die Wirtschaft auszubilden, sondern für die Wissenschaft zu forschen. Erst die neuen Paradigmen der Fokussierung auf die Ausbildungsfunktion setze die Frage nach dem wirtschaftlichen Anforderungspotential frei. Dadurch käme es heute zu einer zunehmenden Trennung von Forschung und Lehre. Wobei die Lehre und damit sicher auch die Ausbildung ins Hintertreffen gerate.

Eine Elitedefinition schien allen Podiumsgästen gleichermaßen schwer. Aus der Binnenperspektive der Universitäten, so halten die Forscher fest, seien die Begriffe ‚Exzellenz’ und ‚Elite’ Synonyme für Leistungsfähigkeit, die entlang eigener Evaluationskriterien gemessen wird. Allerdings sollten die Universität eher die ‚Stammzellen der Elite’ produzieren, die dann in der Wirtschaft weiter ausdifferenziert werden.

Festzuhalten bleibt, dass der Begriff ‚Elite’ ebenso wenig ein geschützter Begriff ist, wie der des freien Trainers. Professor Münkler sieht in der Begriffsdebatte den Kampf um die besten Köpfe aufscheinen und darüber hinaus die ideologische Bestimmung als Kampfbegriff impliziert. Ein ganzes Diskursuniversum blitze auf, nähere man sich dem Begriff ‚Elite’. Gegenwärtig, so hält Münkler bezogen auf die Wahrnehmung und das Studierverhalten der Absolventen fest, sei darunter verengend eher ein Ergebnis orientiertes (Geldverdienen), denn ein interessegeleitetes Studieren zu subsumieren.

Brauchen wir Eliteuniversitäten, um den Standortvorteil Deutschland sicher zu stellen?

Auch hier scheinen sich die Vertreter der Forschung einig. Bisher gibt es keine gesonderten Erkenntnisse darüber, dass die Reformen von ‚Exzellenz’ und ‚Elite’ einen Standortvorteil sichern. Gleiches gilt für die Vermutung, dass der Reformprozess Deutschland in der Spitzenforschung wirklich voranbringt. Überdies belege Deutschland im Gesamt der letzten 30 Jahre den 2. Platz der Anzahl an Nobelpreisträgern. Es existiere also bereits ein hohes Niveau an Spitzenforschung in der Breite. Michael Hartmann hält sogar fest, dass diese Breite, der gut ausgebildeten Akademiker verloren gehen wird und in letzter Konsequenz, mutmaßlich einen gegenteiligen Effekt auf die Positionierung Deutschlands in der Spitzenforschung haben könnte.

DOCatenhusen Münch
Wolf-Michael Catenhusen und Prof. Dr. Richard  Münch

Auch Richard Münch schließt sich dieser Prognose in gewissen Sinn an. Es werde zu einer Umverteilung der Leistungen kommen, so Münch, und meint damit man verteile die ‚besten Köpfe’ einfach anders, indem an wenigen Standorten Vorteile akkumuliert werden. Das Fazit von Richard Münch man habe wenig Geld mit mehr Prestige verteilt, wird zustimmend kommentiert. Münchs Feststellung zielt dabei unter anderem auf die unzureichende Finanzierung der Universitäten ab. Nach wie vor werde der Mangel finanziert und verwaltet. An diesem Punkt kam es zu einer starken Zustimmung auch durch die Vertreter der Unternehmen.

Darüber hinaus heben alle Professoren hervor, dass es fraglich bleibt, ob die Exzelleninitiative jemals spürbar bei den Studenten ankommt. Denn die finanziellen Kapazitäten waren und sind für den Bereich der Forschung und nicht für die Verbesserung der Lehre vorgesehen. In diesem Zusammenhang hat sich weder für die Studenten noch für die Lehrenden etwas positiv verändert. Alle halten fest, dass insbesondere die schlechte Situation des Betreuungsverhältnisses von Lehrenden und Studenten nicht geändert worden ist. Der Druck der sozialen Selektion werde dadurch nicht ab, sondern zu nehmen. Bildungsungerechtigkeit und Chancenungleichheit werde auch im Bereich der Universitäten weiter zementieren.

Münch und Hartmann ergänzen, dass ‚Elite’ die soziale Selektion anhand des Labels zusätzlich befördere. Aus Erfahrungen im internationalen Vergleich ließe sich ablesen, dass das Label ‚Elite-Universität im Bewerbungsprozess den realen Gehalt der Noten und Leistungen überdecke. Dementsprechend werde das Label wichtiger als die tatsächliche Leistung.

Der Politiker an diesem Abend Michael Catenhusen setzt diesen Befürchtungen einen positiven Blick entgegen. Der Exzellenz- und Elitewettbewerb sei und bleibe ein Zugang zu den ‚besten Köpfen’ der Welt. In diesem Sinn, so Catenhusen, sei die Förderung und der Ausbau von Elite-Universitäten als Möglichkeit zu begreifen, im internationalen Wettbewerb bestehen und mithalten zu können. Er sehe darin nicht nur die Möglichkeit exzellente Wissenschaftler auszubilden, sondern auch internationale Spitzenforscher ins Land zu holen.


Text:
Madeleine Sanchino Martinez (Berliner Wirtschaftsgespräche)


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