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BWG Dossiers > Gesprächskreise Wirtschaft und Finanzen > Antizyklische Konjunkturpolitik – Der Keynesianismus in neuer Blüte?

Antizyklische Konjunkturpolitik – Der Keynesianismus in neuer Blüte?

International steckt die Wirtschaft in der tiefsten Krise seit der Großen Depression der 1930er Jahre. In der gegenwärtigen Situation entdeckt die Welt daher den Krisenökonomen John Maynard Keynes und seine Theorien im Eiltempo wieder. Kern der keynesianischen Theorie ist die Annahme, dass der Kapitalismus nur durch eine aktive staatliche Wirtschaftspolitik – etwa durch flexible Geldpolitik und schuldenfinanzierte Investitionsprogramme – stabil bleibt.
2009_09_10_antizyklisches-D
Gleich einer Renaissance haben die Regierungen aller Industrienationen in Rekordzeit nationale Konjunkturprogramme aufgelegt.

Aber befinden wir uns tatsächlich in einer keynesianischen Situation wie von vielen Ökonomen angenommen, und wie sieht dann eine moderne keynesianische Politik gegen die Wirtschaftskrise aus? Wie viel Keynes steckt in den Konjunkturprogrammen der Bundesrepublik und sind diese ausreichend? Brauchen wir ein drittes Konjunkturpaket oder verschärft gerade eine antizyklische Konjunkturpolitik die Krise?

Über die aktuelle Situation mit all ihren Fragen und notwenigen Handlungs-möglichkeiten diskutierten Juliane Hauskrecht (Beraterin Nymoen Strategieberatung), Dr. Thilo Sarrazin (Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank), Wolfgang Wagner (Mitglied des Vorstands Pricewater-houseCoopers AG), Prof. Dr. Gustav A. Horn (Wissenschaftlicher Direktor des Institut für Makroökonomie und Kon-junkturforschung - IMK) sowie Dr. Klaus Eberhardt (Vorstandsvorsitzender der Sparda Bank Berlin eG).

Zunächst eröffnete Prof. Dr. Horn die Diskussion mit einer kurzen Einführung in die keynesianische Theorie und verortete die deutsche Strategie im internationalen, globalen Kontext. Hieran schloss Dr. Eberhardt an und stellte aus Bankenperspektive seine Sicht der derzeitigen Situation dar. Er ging dabei auf die Notwendigkeit einer internationalen Finanzmarktregulierung ein und warnte vor der Ein-schätzung, die Krise sei überwunden. Er machte deutlich, dass er ein Risiko für den Kollaps in der Struktur bzw. im Aufbau des Finanzsystems sieht und dass es jetzt vor allem um die Diskussion und Aushandlung neuer „Spielregeln“ ginge. Als eine Ursache für die Finanzkrise stellte er „die Gier auf beiden Seiten“, also sowohl auf Seiten der Anleger als auch auf Seiten der Institutionen, heraus und appellierte an ein Umdenken hin zu mehr Bescheidenheit. Gleichzeitig betonte er, dass gut funktionierende Regulierungssysteme in Deutschland zur Verfügung stünden, welche gestärkt werden sollten.

Dr. Sarrazin plädierte in seinem Eingangsbeitrag für ein situationsbezogenes Handeln, weniger für ein theoriegeleitetes. Er stellte heraus, dass Krisen in unserem Wirtschaftssystem normal seien und jede Krise anders zu bewerten sei. Die international getroffenen Maßnahmen , wie sie auch die Bundesregierung mit den Konjunkturpaketen eingeleitet hat, bewertete er als richtig. Gleichzeitig stellte er aber heraus, dass die damit weltweit angehäuften Schuldenbestände in den Jahren 2010/2011 zu starken Problemen führen werden und dass hier in allererster Linie Maßnahmen ergriffen werden müssten. Auch Wolfgang Wagner stellte heraus, dass mit einer exponentiellen Verschuldung Handlungsspielräume stark eingeschränkt würden. Zudem unterstützte er die Ausführungen Dr. Eberhardts, indem er sich für eine stärkere Regulierung und klare Regeln von Verantwortlichkeiten aussprach. Er sehe vor allem eine Gefahr darin, dass der Staat durch die wachsenden Schulden nicht mehr adäquat auf eine nächste Krise reagieren könne und betonte die Notwendigkeit des Sparens und einer Haushaltskonsolidierung im erwarteten Aufschwung. Prof. Dr. Horn hingegen betonte, dass die Krise noch nicht ausgestanden sei und sieht als wichtigste Maßnahme eine weitere Eindämmung. Er bezeichnete die gegenwärtige Krise als „vielfach tiefer als alles zuvor“ und stellte heraus, dass sie neue Maßnahmen erfordere. Erst in einem zweiten Schritt sollte der Fokus auf einer Konsolidierung des Staatshaushalts liegen. Hierzu warnte er vor versprochenen Steuersenkungen und machte darüber hinaus deutlich, dass es zu einer notwendigen Steuerreform kommen müsse, und neue Steuern wie beispielsweise im Finanz- und Bankenwesen dazu führten, Schulden zu begleichen. Dieses wurde im Detail nicht von den übrigen Referenten getragen und führte zu einer angeregten Diskussion mit hoher Publikumsbeteiligung.


Man kann festhalten, dass von allen Referenten die Notwendigkeit von Steuererhöhungen und einem staatlichen Sparkurs zur Konsolidierung des Haushalts in Zeiten des Aufschwungs herausgestellt wurde, Uneinigkeit bestand in den konkreten Maßnahmen. Als richtig und notwendig sahen alle Teilnehmer die Konjunkturpakete der Bundesregierung, welche zur Stabilisierung führten.

Text: Katharina Höhne (Berliner Wirtschaftsgespräche)

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