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BWG Dossiers > Neue Technologien > Mathematik ist Zukunft
Mathematik ist Zukunft – mithilfe der Mathematik werden
viele industrielle Lösungen einfacher und effektiver
Am 17. Februar 2009 wurde im Ludwig Erhard Haus in einer Diskussionsrunde unter
dem Namen "Mathematik ist Zukunft" vorgestellt wie Mathematik als
Mittel zur Prozessoptimierung in verschiedenen Branchen zum Einsatz kommt. Nach
der Begrüßung durch Peter Schuhe, Vorstand der Berliner Wirtschaftsgespräche, gab
zunächst Prof. Dr. Volker Mehrmann, Sprecher des DFG-Forschungszentrums Matheon, eine Einführung in die Thematik
und stellte die Institution Matheon vor. Prof. Dr. Mehrmann legte dar, dass
nach dem Verkauf der UMTS Lizenzen im August des Jahres 2000 der Bundesrepublik
50,8 Mrd. Euro in die Kassen gespült wurden. Aus diesem Geld wurde nicht nur
seit über 30 Jahren der erste Bundeshaushalt ohne Nettoneuverschuldung
aufgestellt, sondern auch der Grundstein für die Gründung des Matheon gelegt. Es wurde ein Wettbewerb
ausgeschrieben, in dem das Matheon sich gegen 89 andere Anträge behaupten konnte
und die Fördergelder für sich beanspruchte. Die offizielle Gründung erfolgte im Jahr 2002
und seither fließen jährlich rund 5,5 Mio. Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) in die Erforschung der Mathematik am Matheon
in Berlin. Die Universitäten beteiligen sich mit weiteren 3 Mio. Euro. Das Matheon wird von den
Mathematikinstituten der Technischen
Universität Berlin (TU Berlin), der Humboldt-Universität
zu Berlin (HU Berlin) und der Freien Universität
Berlin (FU Berlin) sowie dem Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik Berlin
(ZIB) und dem Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik
(WIAS) getragen. Mathematische Schwerpunkte sind Optimierung und diskrete
Mathematik, Numerische Analysis, wissenschaftliches Rechnen und Angewandte und
stochastische Analysis.
Prof. Mehrmann erklärte, dass der Begriff Matheon einer Idee von Studenten der
Universität der Künste entstammt, welche aus dem englischen Begriff math =
Mathematik und dem altgriechischen Wort eon =
Ewigkeit den Namen zusammensetzten.
Ab 2006 wurde durch die
Gründung der Berlin Mathematical School (BMS) die Lehre verstärkt
vorangetrieben. Momentan ist die finanzielle Zuwendung seitens des Bundes für
das Matheon bis Mai 2010 gesichert. Die BMS wird mindestens noch bis 2011
gefördert. Prof. Mehrmann erklärte, dass
Schlüsseltechnologien immer komplexer und Innovationszyklen immer kürzer
werden. Zur Handhabung dieser Entwicklung sind neue Maßnahmen notwendig:
Flexible mathematische Modelle eröffnen neue Möglichkeiten Komplexität zu
beherrschen, schnell zu reagieren und neue Optionen zu erforschen.
Die globale Vision des Matheon ist: „Innovation braucht Flexibilität, Flexibilität braucht Abstraktion, die Sprache der Abstraktion ist die Mathematik. Mathematik ist jedoch nicht nur Sprache, sie schafft Werte: Theoretische Einsichten, Effiziente Algorithmen, und optimale Lösungen.“ Moderne Schlüsseltechnologien und Mathematik interagieren folglich in einem gemeinsamen Innovationsprozess.
Mathematik und Medizin
Nach der Vorstellung durch
Prof. Dr. Volker Mehrmann stellte
Prof. Dr. Christof Schütte in einer Präsentation die Arbeit in
Forschungsprojekten zum Thema Mathematik und Medizin vor. Im Matheon beschäftigt sich das
Anwendungsgebiet "Lebenswissenschaften" mit der Modellierung und
Simulierung von Stoffen und Körpern um gezielt Medikamente herzustellen oder
Operationen durchführen zu können. Prof. Schütte zeigte anhand des
Schlüssel-Schloss-Prinzips bei Enzymen und Proteinen beispielhaft, wie eine
Modellierung erfolgen kann und sich Möglichkeiten ergeben Stoffe so
nachzubilden, dass Sie bestimmte Wirkungen im Köper erzielen können. Prof.
Schütte erklärte an einer graphischen Darstellung eines Skeletts, wie ein
Modell eines realen Skelett entstehen kann. Der Grad der Genauigkeit zwischen
Modell und realem Skelett ist dabei abhängig von der verwendeten Anzahl an
Punkten oder Knoten, genauer deren Dichte im Modell. Der Aufwand, den man für
die Erstellung eines Modells betreibt ist demnach proportional zur Genauigkeit,
da das Modell durch die Interpolation von Punkten erstellt wird. Die
Schwierigkeit, gar Kunst der Mathematik liegt darin, das Modell so einfach wie
möglich, aber so genau wie nötig zu erstellen. Die Anwendungsorientierung zeigt
sich darin, dass für einzelne Aufgaben und Sachverhalte spezielle Modelle anwendungsorientiert
erstellt werden. Auf dieser Grundlage können Medikamente in virtuellen
Laboratorien getestet werden oder patientenspezifische Therapien entwickelt
werden. Neben Zeiteinsparung ist abgesehen von erhöhter
Erfolgswahrscheinlichkeit auch die Kosteneinsparung enorm. Prof. Schütte
verschaffte anschließend einen Überblick über die Berliner Forschungslandschaft
in diesem Bereich, indem miteinander kooperierende Einrichtungen und deren
Vernetzung dargestellt, und Projekte und deren Ziele erklärt wurden.
Mathematik und Photovoltaik
Prof.
Dr. Alexander Mielke aus dem Weierstraß–Institut für Angewandte Analysis und
Stochastik schloss eine Präsentation der Arbeit am Matheon zum Thema Mathematik und
Photovoltaik an. Er erklärte zunächst die praktischen Einsatzmöglichkeiten von
Solarmodulen und erklärte in einer Graphik die prognostizierte Entwicklung und
Bedeutung der Stromherstellung aus Sonnenlicht bis 2100. Diese soll bis dahin
mehr als die Hälfte im Energiemix darstellen und Kohle sowie verstärkten
zusätzlichen Bedarf weitgehend decken. Prof. Mielke stellte die in diesem
Bereich forschenden Berliner Stellen wie das Innovationszentrum Energie (TUB),
Solarfirmen in Adlershof, oder das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und
Energie vor und erklärte, dass das Matheon auftragsartig
Aufgaben übernimmt und zwei Schwerpunkte im Anwendungsgebiet der Produktion und dem Anwendungsgebiet der
Entwicklung von elektronischen und photonischen Bauteilen hat. Besondere
Kompetenzen liegen in der
Kristallzüchtung und Schichtwachstum, der Oberflächenstrukturierung
sowie der Simulation optischer Eigenschaften von Solarzellen und der Simulation
mehrdimensionaler elektronischer Felder. Prof. Mielke stellte detailiert die
Funktionsweise von Solarzellen vor. Obwohl Solarstrom noch nicht rentabel ist,
sind die Aussichten so attraktiv, dass intensiv an Effizienzsteigerung (mehr
Strom bei gleichem Licht) und an der Senkung von Produktionskosten gearbeitet
wird. Zwar sind Solarzellen von außen schlicht und glatt, doch innen komplex
und rau, um Lichtwellen im inneren durch Reflexion zu "fangen". Bei
der Umwandlung von Licht in Strom sind die optischen Eigenschaften von
Solarzellen entscheidend.
Kostensenkungspotentiale,
so Prof. Mielke, liegen besonders beim Design und bei Messreihen, da
Simulationen viele Experimente ersetzen können und die Optimierung mittels
mathematischer Methoden erfolgen kann. Komplexe Vorgänge, wie die
Lichtumlenkung im Nanobereich aus der vertikalen in die Horizontale, können
durch Formeln beschrieben werden. Die aus mathematischen Gleichungen
hergeleiteten Ergebnisse können anschließend das Grundgerüst von Modellen
darstellen und leicht in eine Simulationssoftware programmiert werden um
einfache, wie auch schnelle Anwendung zu erlauben.
Im Matheon werden entsprechende
Simulationsprogramme entwickelt, die die komplexen Streu- und
Reflexionsprozesse an strukturierten Oberflächen quantitativ beschreiben.
Mathematik und Verkehr:
Prof.
Dr. Martin Skutella,Institut für
Mathematik der TU Berlin, hielt den abschließenden Vortrag über die Anwendung
von Mathematik im Verkehr. Er zeigte einleitend einen kurzen Film, in dem
dargestellt wurde, wie die Fahrplangestaltung eines S-Bahnnetzes funktioniert.
Vereinfacht wurde anfänglich am Beispiel von einem kleinen Schienennetz und
einer Hand voll Züge die Aufgabe gestellt, die Wartezeit an Bahnhöfen zu
minimieren. Jede Änderung im Fahrplan eines Zuges löste große Änderungen an
anderen Bahnhöfen aus, sodass nur eine ganzheitliche Betrachtung in Frage kam.
Besonders wichtig sei, so Prof. Skutella, dass die Komplexität der Aufgabe mit
steigender Anzahl der Variablen exponentiell steigt. Eine Verdopplung der Züge
und Bahnhöfe führ zu einer Erhöhung des Rechenaufwandes um einen viel größeren
Faktor und damit der Rechenzeit. Das Matheon
arbeitet eng mit der Wirtschaft zusammen und hat für die BVG einen Plan
entwickelt, welcher die Wartezeit an U-Bahnhöfen minimiert und Umsteigen mit
kleinstmöglichen Wartezeiten gewährleistet. Zu dem durch Kundenzufriedenheit
gezogenen Nutzen konnte bei weniger Wartezeit sogar ein Zug eingespart werden.
Bei einer großen Anzahl von Variablen und einer unvorstellbar großen Auswahl an Möglichkeiten liegt die Aufgabe darin die beste unter vorgegebenen Nebenbedingungen auszuwählen. Dazu wird nicht eine nach der anderen ausprobiert, sondern es können durch mathematische Gleichungen ganze Kombinationsblöcke und Punktwolken ausgeblendet werden, wenn diese nur schlechter als eine einzige Möglichkeit sind (und somit nicht mehr die beste Möglichkeit sein können).
Prof. Skutella erklärte anschließend das klassische mathematische Problem des Handlungsreisenden als ein kombinatorisches Optimierungsproblem des Operations Research und der theoretischen Informatik. Die Aufgabe besteht in diesem Problem darin, eine Reihenfolge für einen Besuch mehrerer Orte so zu wählen, dass die gesamte Reisestrecke des Reisenden nach der Rückkehr zum Ausgangsort möglichst kurz ist. Es gibt eine Reihe von Lösungsansätzen und viele Nährungsmethoden. Eine Möglichkeit zur Lösung wäre das Bilden von Kreisen um jeden Ort in genau der Art und Weise, dass immer zwei Kreisbögen sich gerade noch tangieren. Der optimale Weg würde durch die Orte und Berührungsflächen verlaufen.
Anwendung finden ähnliche Probleme beispielsweise bei der Post, Taxiunternehmen, und anderen häufig in der Logistik verankerten Branchen. Die Einsparung von Wegstrecken bedeutet in der Regel eine Einsparung von Zeit und Treibstoff, sodass auch hier Kosten gesenkt werden können.
Insgesamt zeigt sich, dass das Finden der besten Lösung nicht die einzige Schwierigkeit darstellt und die Mathematik als Werkzeug ideal geeignet ist, um Kosten zu senken oder / und bestimmte Prozesse erst möglich zu machen. Voraussetzung hierzu ist stets, dass das Ziel definiert wird und Nebenbedingungen bekannt sind. Dies stellt seitens der Kunden oft noch eine große Schwierigkeit dar, sodass eine nahe Zusammenarbeit erforderlich ist.
Die Berliner Wirtschaftsgespräche bedanken sich bei den Teilnehmern der Veranstaltung „Mathematik ist Zukunft – mithilfe der Mathematik werden viele industrielle Lösungen einfacher und effektiver“ für einen tiefen Einblick in die Möglichkeiten, welche eine der ältesten Wissenschaften der Welt uns in heutiger Zeit ermöglicht.
Text und Foto:
Adam Witkowski (Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.)
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