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BWG Dossiers > Gesprächskreis Wirtschaft, Arbeit und Bildung > Frauen und Naturwissenschaften: Endlich Schluss mit Vorurteilen

Mädchen
können MINT! unter diesem Motto stand die Abendveranstaltung der
Berliner Wirtschaftsgespräche am 26.02.2009. Gemeinsam mit der DKB wurde in das Atrium des
Institutssitzes in der Taubenstrasse geladen. Das Thema lautete ‚Frauen und
Naturwissenschaften’. Gemeinsam mit dem Staatssekretär der Senatsverwaltung
Bildung, Wissenschaft und Forschung Dr.
Hans-Gerhard Husung diskutierten unter differenzierten und facettenreichen
Aspekten. Dr. Christiane Erlemann (Vorstand, Frauen in Naturwissenschaft und
Technik NUT e.V.), Heinz-Peter
Meidinger (Oberstudiendirektor und Bundesvorsitzender des
Philologenverbandes), Prof. Dr. Peter
Pepper (Fakultät Elektrotechnik und Informatik, Institut für Softwaretechnik
und theoretische Informatik, Technische Universität Berlin), Dr.Armgard
von Reden (Direktorin Government Programs und Vorsitzende des IBM German
Womens Leadership Councils,IBM Deutschland GmbH) und Dipl.-Ing.agr.
Eva Viehoff (Projektkoordinatorin
Geschäftsstelle Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen Kompetenzzentrum
Technik-Diversity-Chancengleichheit, Bielefeld).
I. Eine Farbe oder Was ist MINT?
MINT steht als Abkürzung für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die – aller Gleichberechtigung zum Trotz – noch immer ein männlich dominiertes Berufsfeld, aber auch Berufsbild sind. Nach wie vor wollen die wenigsten Mädchen eines dieser Fächer studieren oder in technisch-naturwissenschaftliche Ausbildungsberufe gehen.
Um hier endlich eine Trendwende zu erreichen und die hohe Anzahl der erfolgreichen und sehr gut ausgebildeten Schulabgängerinnen für MINT-Fächer zu gewinnen, hat die Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Initiative „Pakt für Frauen in Naturwissenschaft und Technik“ mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ins Leben gerufen. Motto: „Komm mach MINT!“ Der Pakt ist Bestandteil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung "Aufstieg durch Bildung". Eines der erklärten Ziele des Paktes ist es, den Anteil der Studienanfängerinnen in MINT-Fächern in fünf Jahren, um fünf Prozentpunkte zu steigern.
Als Expertin hierfür war Eva Viehoff eingeladen, die über die notwendigen Kooperationsbeziehungen sprach und anschaulich machte, dass es nicht nur um starke Bündnisse geht, sondern auch um sichtbare Rollenvorbilder, bessere Informationen über den Berufsalltag und Angebote, die bei jungen Mädchen frühzeitig das Interesse an Naturwissenschaft, Mathematik und Technik nicht nur wecken sondern auch erhalten. Dabei sei insbesondere hervorzuheben, dass deutlich werden muss, dass MINT-Berufe etwas mit den Erfahrungswelten junger Mädchen und Frauen zu tun haben. Der Erfahrungsbezug sei ein wesentliches Kriterium der Berufswahl dieser Zielgruppe.
II.
Farbenspektrum – Wo ansetzen im Bereich der MINT-Förderung?
Deutlich wurde an diesem Abend, dass die Beeinflussung der Berufswahlentscheidung junger Mädchen und Frauen in diesem Bereich nicht allein durch Initiativen der Bundesregierung gesteuert werden kann.
Fehlende positive Rollenvorbilder
Fehlende positive Rollenvorbilder insbesondere in den Medien wie z.B. in Spielfilmen, Serien oder Daily Soaps gehen Hand in Hand mit immer noch vorhandenen Frauenbildern, die nicht zuletzt in den 50ger Jahren in Deutschland geprägt wurden. Diese Rollenprägung beginnt bereits in vorschulischer Zeit. Geschenkstrategien von Eltern und Verwandten folgen oft noch immer klassischen Bildern: Für Jungen die Bausätze und Chemiekästen – für Mädchen die Kuschelecken und Puppenlandschaften. Fast überflüssig scheint es zu erwähnen, dass spezifische Farbgebungen die Jungen und Mädchen deutlich als ‚anders’ (auch in ihren Bedürfnissen und Kompetenzen) trennen und rollenbetonte Werbestrategien ihr übriges Beitragen.
Erfahrungswelt Schule
Aber auch die Ausgestaltung des Unterrichts dieser Fächer und der Lehrermangel wurden an diesem Abend als problematisch diskutiert. Der Unterricht sei zu wenig praxisnah, zu wenig Experiment orientiert und im Grunde fehle eine Anbindung an die Erfahrungs- und Lebenswelt der Kinder. Insbesondere Heinz-Peter Meidinger und Prof. Dr. Peter Pepper konnten diese Argumentation mit Blick auf ihre eigene Praxis fundieren.
Ergänzt wurde dieser Schulaspekt durch den Wunsch nach Ganztagsschulen, also die Schule als Lebens- und Lernraum zu erfahren und die Frage, ob es sinnvoll ist, möglicherweise in bestimmten Altersphasen Mädchen und Jungen im naturwissenschaftlichen Unterricht zu trennen. Dabei konnte für die letzte Frage keine Einigkeit, aber durch Eva Viehoff die Sensibilisierung dafür erreicht werden, dass es Studien gibt, die feststellen, dass reine Mädchenlerngruppen die Leitungen der Mädchen in diesen Fächern verbessern.
Problem Berufsberatung
Im Anschluss an die Schule, so konstatierten Christiane Erlemann, Armgard von Reden und Eva Viehoff gäbe es eine weitere Hürde: die Berufsberatung. Derzeit fehle es in Deutschland an einer guten Berufsberatung für den MINT-Bereich und Mädchen im Speziellen, aber auch im Allgemeinen. Berufsberatung würde in den meisten Fällen weder Unterstützung noch Entscheidungsfähigkeit fördern. Auch hier muss über eine sinnvolle Ausgestaltung nachgedacht werden, will man für Technik begeisterte junge Frauen auch optimal in der Berufs- und Studienwahl unterstützen. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil ein Bewusstsein für das Spektrum, dass die MINT-Berufe heute bereitstellen, zu fehlen scheint. Fasst lässt sich sagen: Technik umgibt uns zwar überall, aber wir nehmen sie nicht mehr als etwas zu Gestaltendes und Gestaltbares wahr.
Vereinbarkeit Familie und Beruf
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor in vielen Branchen problematisch. Christiane Erlemann wies in der Podiumsdiskussion darauf hin, dass der Ingenieurberuf für Frauen oft ein Risiko darstelle. Oft seien die Arbeitszeiten nicht kalkulierbar, Teilzeit nicht möglich und eine Überprüfbarkeit von Leistungsbeschreibungen nicht gegeben. Hier müssten deutliche Veränderungen im Arbeitsalltag vorgenommen werden. Ergänzend fügte Peter Pepper an dieser Stelle an, dass bei einem hohen Fachkräftebedarf selbstverständlich die wenigen vorhandenen Fachkräfte mehr Arbeit leisten müssten. Dies mache für Frauen insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unmöglich, so dass die Entscheidung frühzeitig in eine andere berufliche Richtung gehe.

III. Farbe bekennen – Strategien zur
Förderung junger Mädchen (aber auch Jungen) in den MINT-Fächern
Trotz des Facettenreichtums der Problematik fehlender Fachkräfte im Allgemeinen und fehlender Mädchen und junger Frauen in den Naturwissenschaften und technischen Berufen im Besonderen und des notwendigen Handlungsbedarfs wurden an diesem Abend auch positive Entwicklungen benannt.
Best Practice Beispiele
Natürlich ist der ‚Pakt für Frauen in Naturwissenschaft und Technik’ ein wesentlicher Schritt. Denn die Sensibilisierung für ein Thema braucht eine breite Aktions- und Vermittlungsbasis. Bündnisse aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bieten ein breites Spektrum an Akteuren, die gemeinsam als Multiplikatoren dienen. Neben der Erhöhung der StudienanfängerInnenzahlen ist ein weiteres erklärtes Ziel der Initiative, bei Neueinstellungen im MINT-Bereich Frauen mindestens entsprechend ihres Anteils an den Absolventen zu berücksichtigen und den Anteil an Führungspositionen deutlich zu erhöhen.
Ein Best Practice Beispiel konnte hierzu Armgard von Reden für IBM aufzeigen. IBM bietet neben Kursen und Workshops für junge Mädchen auch ein MetorInnenprogramm für AbiturientInnen an. Darüber hinaus versucht IBM das nachzuholen, was in der allgemeinen Berufsberatung nicht richtig gelingen will. Sie unterstützen junge SchulabgängerInnen und StudentInnen durch eine eigene Berufsberatung.
Ein weiteres erfolgreiches Beispiel konnte Heinz-Peter Meidinger ergänzen. Aus seiner Erfahrung konnte er von Studentinnen berichten, die junge Schülerinnen an die Universität einluden und sich mit ihnen über ihre eigene Studienmotivation und ihre Erfahrungen mit dem naturwissenschaftlichen Studiengang unterhielten. Die Vorbildwirkung habe einen entscheidenden Einfluss auf die Schülerinnen gehabt.
Berliner Strategien
Auch in der Landespolitik stehen die Weichen auf Veränderung, um den Ingenieurberuf attraktiver zu gestalten und das Interesse früh zu wecken. Der Staatssekretär Hans-Gerhard Husung benannte dabei insbesondere die Initiative "Haus der kleinen Forscher", die bereits im Vorschulalter spielerisch die Begeisterung der drei- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen an naturwissenschaftlichenund technischen Phänomenen fördert. Darüber hinaus habe das Land Berlin eine sehr hohe Dichte an Schülerlaboren und überlege derzeit, die MINT-Fächer in bestimmten Bereichen wieder durchgängig verpflichtend zu machen. Das würde bedeuten, dass diese Fächer dann nicht mehr wie im heutigen Grund- und Leistungskurssystem an den Schulen abgewählt werden könnten. Gleichzeitig wird in Berlin über effektive Strategien nachgedacht, die Abwanderung von gut ausgebildeten LehrerInnen und ReferendarInnen in andere Bundesländer zu verhindert.
Im Bezug auf die weiterführenden Ausbildungen – insbesondere mit Blick auf die Hochschulen – scheint es notwendig zu überprüfen, inwieweit der Bereich der Schuldidaktik in diesen Fächern reformiert werden müsse.
Einig waren sich an diesem Abend alle Gäste darüber, dass es an der Zeit sei, an all die Facetten des Themas zu gehen und die erkannten Probleme, in Handlungskonzepte zu überführen!
Text: Madeleine Sanchino Martinez (Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.)
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