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BWG Dossiers > Gesprächskreis Kultur, Tourismus, Kommerz > Die Zukunft der Bibliotheken

Die Zukunft der Bibliotheken – wie der Wissenstsunami bewältigt wird

Eine Veranstaltung des Gesprächskreises Kultur, Tourismus, Kommerz
am 12.03.2009 in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin

2009_03_12_Podium_Zukunft_Bv.l. Stefan Gradmann, Hannelore Vogt, Claudia Lux, Susanne Metz, Klaus Ceynowa

Sind Bibliotheken für Sie nur Orte, in denen man Bücher ausleihen kann und die demnächst verschwinden werden, weil ja alles im Internet steht? Sind die Tage der Bibliotheken gezählt?  Es ändert sich schon seit geraumer Zeit einiges. Bücher gibt es natürlich immer noch in erster Linie, doch Stadtbibliotheken und Universitätsbibliotheken entwickeln ihr Angebots- und Leistungsspektrum auf eine völlig neue Art weiter. Sie wandeln sich zu Orten der Informationskompetenz, zu neuen Lernorten. Ein breitgefächertes multimediales Angebot bietet einen unkomplizierten Zugang zu Information und Wissen. Darüber hinaus machen neue Aktivitäten und Leistungen der Stadtbibliotheken diese heute auch für Menschen anziehend, die eigentlich nicht so viel mit Büchern im Sinn haben und dennoch auf ihre Weise am Wissen der Welt partizipieren wollen und so die vielfältigen Angebote ihrer Stadtbibliothek neu entdecken. Was in der Bibliothekswelt geschieht, diskutierte Prof. Dr. Claudia Lux, Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin mit Dr. Klaus Ceynowa, Stellvertreter des Generaldirektors der Bayerischen Staatsbibliothek, Prof. Dr. Stefan Gradmann, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Susanne Metz, Amtsleiterin der Stadtbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg sowie Dr. Hannelore Vogt, Direktorin der Stadtbibliothek Köln.

Der besondere Service der Bibliotheken

Serviceleistungen werden in den Bibliotheken auf unterschiedlichen Ebenen geboten. Hannelore Vogt erwähnt zunächst die räumliche Ebene, auf der in der Stadtbibliothek Köln ein Lesecafé mit einem Angebot aktueller Zeitschriften und Tageszeitungen lockt. Als Gegenpol dazu steht ein virtuelles Angebot, welches über die Recherche und Ausleihe von Büchern, Filmen und Musik, die Benachrichtigung bei Neuerwerbungen, die zum persönlichen, online erstellten Profil passen bis hin zur Benachrichtigung per SMS oder Email  z.B. zu Abgabeterminen reicht. Ganz real werden im Bibliotheksverbund Berlin Bücher nach Hause oder ins Büro geliefert und gut ausgebildetes Personal und interessante Veranstaltungsangebote runden das Bild ab. Was noch fehlt, ist die Möglichkeit der Sonntagsöffnung, die bei wissenschaftlichen Bibliotheken gegeben ist. Neben diesem umfassenden  Service für alle Kunden gibt es auch Angebote für spezielle Zielgruppen. In Köln wird mit den „Bücherbabies“, einer Sprachförderung in Krabbelgruppen, die ganze Familie angesprochen und in die Bibliothek gezogen. Für Berlin stellt Susanne Metz gleich mehrere Angebote vor, die z.T. auf den speziellen Anforderungen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg fußen. Eines davon ist das modulare Programm „Kinder werden WortStark“, welches das Sprach- und Lesevermögen von Kindern und Jugendlichen vom 2. bis zum 12. Lebensjahr fördert. In Zusammenarbeit mit Kitas und Schulen werden Kleingruppen über einen längeren Zeitraum regelmäßig in der Stadtbibliothek betreut. Und natürlich wird mit einem breiten Spektrum an z.B. arabisch-, russisch- oder türkischsprachiger Literatur sowie vielen zweisprachigen Kinderbüchern den unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen der Friedrichshainer und Kreuzberger Bevölkerung Rechnung getragen.

Klaus Ceynowa fragt sich, ob der Bibliothekar als Retter im Wissenstsunami agieren muss und kommt zu dem Schluss, dass die Benutzer der Bayerischen Staatsbibliothek solch einen Retter nicht benötigen. Aber durch andere Services wird die Bayerische Staatsbibliothek, inzwischen seit 450 Jahren im Geschäft, attraktiv für die jährlich 3 Millionen Benutzer: z.B. ein Bestand von 9,5 Millionen Bänden, Öffnungszeiten an sieben Tagen die Woche von 8-24 Uhr sowie die elektronische Auslieferung von Dokumenten. Als lokale Institution funktioniert sie also gut – so gut, dass ein gewisser Nutzungsdruck durch die Digitalisierung von Teilbeständen hoffentlich nachlassen wird. Dabei soll das Google-Vorhaben helfen, ein Massendigitalisierungsprojekt, welches noch zur Sprache kommen wird. Für Stefan Gradmann ist das wirkliche Kapital der Bibliotheken die Aggregation von Information zu Wissen – der Service besteht also eher darin, einen Informations- denn einen Wissenstsunami zu bewältigen und die Informationen in einen sinnvollen Kontext zu setzen. Dieser Service wird heute zunehmend digital geleistet, so mit dem Aufbau der europäischen Zentralbibliothek Europeana.

Podium_Zukunft_Bibliothekenv.l. Stefan Gradmann, Hannelore Vogt, Claudia Lux

Die Digitalisierung der Bibliotheken

Wenn der Leser nicht zum Buch kommt, muss das Buch eben zum Leser kommen – wenn auch nicht in seiner ursprünglichen Form. Dafür soll z.B. das Google-Vorhaben sorgen. In der Bayerischen Staatsbibliothek – und nicht nur dort – liegen Quellen, für die es weltweit primär ein wissenschaftlich spezialisiertes Publikum gibt. Durch deren Digitalisierung wird eine internationale Forschungsbibliothek geschaffen – auf die Quellen kann dann einfacher, und dadurch auch öfter, zugegriffen werden. Zugegebenermaßen werden im Moment nur solche Bücher und Quellen digitalisiert, auf denen kein Copyright mehr liegt. Sie sind alt – aber stellen auch einen großen Teil der abendländischen Kulturtradition.

Die Inhalte der Europeana sind ein wenig mehr dem Zufall überlassen, bzw. der Digitalisierungspolitik einzelner Länder, da die Europeana selbst kein Digitalisierungsprojekt ist. Sie sei nur die Aggregation von Metadaten unterschiedlicher Einrichtungen, wo bereits Digitales vorliege. Die Verantwortung für die Digitalisierung liege ebenfalls bei den einzelnen Einrichtungen (Ceynowa). Deshalb wird es durch ein solches Portal auch nie ein strukturiertes, einheitliches Angebot geben, da die Digitalisierungspolitik in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich betrieben wird. In Frankreich ist diese intensiv, auch was das finanzielle Engagement angeht, in Deutschland  wird Digitalisierung maßgeblich durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. Die Europeana sei auch nicht als Bibliothek zu betrachten, sei aber auch mehr als eine Sammlung digitaler Bibliotheksbestände, da auch z.B. Museumsbestände und audiovisuelle Bestände gesammelt würden (Gradmann). Der Prototyp der Europeana ist bereits im Netz sichtbar, mit z. Zt. 5 Mio. Metadatensätzen (Originaldigitalisate). Und das Interesse ist das – beim Launch im November 2008 war dieses so groß, dass der Server unter dem Ansturm der Zugriffe zusammenbrach. 2010 soll eine operationale Version der Europeana und damit eine komplexere Version der Daten vorliegen.

Es ist ein Versuch, all das zusammenzutragen, was digital an europäischem kulturellen Gedächtnis vorhanden ist und so auch die Konzentration von Quellen an einem Ort zu erreichen.

Die Relevanz des Digitalen für die Stadtbibliothek

Natürlich gehe sie davon aus, dass die Mitarbeiter der Zweigstelle Kreuzberg auch mit der Europeana und deren Benutzung vertraut seien und die Zugriffsmöglichkeit sei ebenfalls gewährleistet (Metz). Allerdings ist die Relevanz für die Kunden eher nicht gegeben. Zwar ist das digitalisierte Buch durchaus von Interesse, aber mehr etwas für die Online-Ausleihe. A propos online – hier stellt sich die Frage, ob eine Einrichtung wie Google Books Werbung für die Bibliotheken sein kann. Das wäre durchaus möglich, da mit dem gesuchten Buch entweder ein Link zum Online-Shop oder eben zur nächstgelegenen Bibliothek, wo dieses Buch steht, angezeigt wird. Da aber die Berliner Bibliotheken noch nicht mit Google Books verlinkt sind, wird u.U. die Bayerische Staatsbibliothek als nächster Standort angezeigt. Auf jeden Fall müssten sich die öffentlichen Bibliotheken damit beschäftigen, aber Google Books müsse als kommerzieller Anbieter auch kritisch betrachtet werden (Vogt).

Und wie steht es mit dem E-Book, wo auch „der Harry Potter für die Einraumwohnung“ (Lux) drauf passt? Es gibt verschiedene Formate, die unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen – das E-Book ist gut für kurzzeitig benötigte Informationen sowie zum Nachschlagen. Zum Schmökern eignet sich eher das klassische Buch und das Hörbuch sorgt für Unterhaltung – wobei letzteres wiederum gerne digital heruntergeladen wird. Die digitalen Angebote sind also vorhanden – doch braucht und nutzt sie das Publikum? Womöglich muss das Publikum erstmal an die sinnvolle Nutzung der multimedialen Vielfalt herangeführt werden. So verstehe sie die Bibliothek nicht als Ort der Bücherverwaltung, sondern als Ort der Vermittlung von Lese- und Medienkompetenz (Metz). Denn es gab bereits vor zehn Jahren die ersten Multimedia-PCs in der Zweigstelle am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Doch nach ein paar Wochen mussten sie wieder entfernt werden, das sie durch unsachgemäße Behandlung zerstört worden waren – die Kinder wussten schlicht nicht damit umzugehen. Insofern ist die Kooperation mit Kitas genauso wichtig wie z.B. die Vermittlung der Kompetenz, Google richtig zu nutzen. Was konkret das E-Book angehe, so sei er überzeugt, dass es keine lange Lebenszeit habe, da es lediglich im elektronischen Kontext versuche, das nachzubauen, was das konventionelle Buch besser könne (Gradmann).

2009_03_12_Podium_Zukunft_Dv.l. Susanne Metz, Klaus Ceynowa

Das Monopol der Bibliotheken als Informationsinfrastruktureinrichtung

In den Bibliotheken stehen die Bücher, voll von Informationen, aber bei der Suche nach Informationen sitzt man doch meist am Rechner und surft im Netz. Eine Studie in den USA zum Informationssuch- und Nutzungsverhalten hätte eine klare Bevorzugung des Internets ergeben. Bei der allgemeinen Suche nach Informationen stünden die Nutzung von Suchmaschinen mit 72% klar vor der Bibliotheksnutzung mit 14%. Außerdem habe eine weitere US-Studie zum Internet als Informationsquelle ebenso eine klare Prioritätensetzung gezeigt. Gefragt, wohin sie sich nach einer Erstinformation für weitere Informationen zu drei speziellen Themen wenden würden, sei die Antwort der Studienteilnehmer eindeutig gewesen: Stammzellenforschung: 67% Internet / 11% Bibliothek; Klimawandel: 59% Internet / 12% Bibliothek; Ursprünge des Lebens: 42% Internet / 19% Bibliothek (Ceynowa). Die Frage hier kann also nicht sein, ob noch Bücher gelesen werden, sondern was die Bibliothekare als „Bücher“ definieren – es sind Informationsträger, aber diese verändern sich im Laufe der Zeit und inzwischen kommen sie eben auch in der Form von CD-Roms, DVDs und eben frei im Netz flottierenden Informationen daher.

Allerdings müsse man hier den Unterschied der Informationsorganisation zwischen Büchern und Internet bedenken (Gradmann). Die Informationsorganisation in Büchern ist eine über Jahrhunderte erlernte und tradierte. Information im Netz hingegen ist nicht mehr linear organisiert und deren Rezeption ist anders geartet als das gelernte Lesen. Die Bedeutung von Büchern und damit von Bibliotheken als Informationsquelle ist auch abhängig von der Fachkultur, aus der man kommt. Hier stehen die noch sehr buchaffinen Geisteswissenschaften im Gegensatz zu den Natur- und Lebenswissenschaften, die vielleicht bald buchfreie Räume sind.

Doch ungeachtet der wissenschaftlichen Disziplin und des persönlichen Informationsbedarfs sollte verhindert werden, dass einzelne Suchmaschinen eine Monopolstellung erlangen, da dort die Anordnung von Information nicht neutral organisiert ist, Inhalte nicht immer verlässlich sind und das Ranking obendrein erkauft werden kann. Daher ist der einfache Weg nicht immer der bessere und die Bibliothek als Alternative sollte man bedenken – denn das Internet ist nun mal nicht die Fortsetzung der Bibliothek mit anderen Mitteln.

Die Bibliothek der Zukunft

Es herrscht Einigkeit darüber, dass die Bibliothek der Zukunft attraktiv sein muss, um als realer Ort bestehen zu können aber auch darüber, dass sie wichtig ist als öffentlicher Kommunikationsort – die Leute wollen ja auch mal weg von Ihren Computern. Der Zukunftsvisionen gibt es einige:

Die Notwendigkeit eines Bibliotheksgesetzes...

...wurde durchaus festgestellt. Wichtig ist im Hinblick auf ein mögliches Gesetz jedoch, dass es in seinen Formulierungen so gestaltet ist, dass diese aktuell bleiben bzw. im Bedarfsfall leicht anzupassen sind.

Einige abschliessende Bemerkungen

Die Diskussion war aus Sicht der Zuhörer zeitweise von durchaus düsteren Szenarien geprägt. Dieser Sicht setzte Stefan Gradmann ein Beispiel aus der Entwicklung des Films entgegen: nach der Erfindung des Films habe man 20 bis 30 Jahre lang nur die statische Kamera gekannt und Kinos hätten damals Lichtspieltheater geheißen. Die bewegt Kamera war dann ein neues Medium mit ganz neuen Möglichkeiten – und das oft totgesagte Kino gibt es immer noch. Die wissenschaftlichen Bibliotheken sehe er jetzt am Ende des Zeitalters der Lichtspieltheater – was manchen bedrohlich scheinen mag, aber auch Chancen berge. Für eine Wegbewegung von Vertrauten und ein stärkeres Hinterfragen der heutigen Informations-Infrastruktur mit gleichzeitigem Bedenken zukünftiger Formen derselben plädierte auch Klaus Ceynowa. Hannelore Vogt blickt positiv in die Zukunft der Bibliotheken – trotz und neben den neuen Medien – und betont im Hinblick auf diese, dass man schließlich auch das Image der Bibliotheken bei jungen Leuten bedenken müsse. Und trotz aller möglicherweise bevorstehenden Veränderungen sieht sich Susanne Metz auch am Ende der Diskussion nicht als verrückt an, einen Bibliotheksneubau in Angriff genommen zu haben. Denn sie stellt auch noch etwas klar, was im Laufe der Veranstaltung immer wieder angeklungen ist: der Blick in die Zukunft ist für öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken doch unterschiedlich.

Zum Abschluss weist Claudia Lux darauf hin, dass man sich immer wieder fragen müsse, ob man alles sammeln will oder muss, was neu und multimedial ist – da die Zentral- und Landesbibliothek auch die Kultur in Berlin sammelt, in Form von Druck, CD, DVD... Und jetzt sogar in Form von Gerüchen der Mitte Berlins, die als chemische Strukturen in der Berlin-Sammlung aufbewahrt werden. Das sind einerseits spannende neue Möglichkeiten der Bewahrung des Gedächtnisses einer Stadt – aber auch tatsächlich zu hinterfragen, wenn im Hier und Jetzt nicht einmal genug Geld vorhanden ist, um Bücher zu kaufen!

Alexandra Hinxlage

Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.

(Text und Fotos)

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