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uftbild Oberschöneweide 1998Foto: Stattbau/BLEGOberschweineöde.
Nie mehr Oberschweineöde. Revitalisierung der Region Oberschöneweide - Einzelfall oder Modell?
Dies war lange Zeit der unrühmlich Titel von Oberschöneweide, dem Standort im Südosten Berlins, der ehemals eines der größten Industriegebiete Europas darstellte. Ob der Begriff Oberschweineöde heute noch passend ist, war eine Frage, die auf der Veranstaltung diskutiert wurde. Ebenso was aus Oberschöneweide nach dessen Niedergang geworden ist und wie es geschafft wurde, den Absturz aufzuhalten, gar die Hochschule für Technik und Wirtschaft anzulocken. Zuletzt stand natürlich auch die Frage im Raum: Wie weiter in Oberschöneweide, wohin soll die Reise gehen?
Die Antworten auf diese Fragen versuchte RBB-Moderator Harald Asel seinen Podiumsgästen zu
entlocken. Mit dabei waren Prof. Dr.
Michael Heine, Präsident der HTW Berlin und Dr. Andreas Mölich, Unternehmer und Mitglied der Bürgerplattform
„Organizing Schöneweide“. Außerdem nahmen Wolf
Schulgen, Leiter der Abteilung Wohnungswesen, Stadterneuerung, Soziale
Stadt in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sowie Hardy Schmitz, Geschäftsführer WISTA-Management, an der Diskussion
teil.
Für einen etwas anderen Einstieg in die Veranstaltung sorgte Carsten Otte. Vor fünf Jahren setzte er mit seinem Debütroman „Schweineöde“ dem Stadtteil ein literarisches Denkmal. Teile des Buches verwendete er, um in einem Eingangsreferat die Brücke ins heutige Oberschöneweide zu schlagen und die Diskussion damit anzuregen. Insbesondere Kunst und Kultur würden sich seiner Meinung nach in Oberschöneweide ansiedeln können, gerade wegen des nicht perfekten Images des Stadtteils.
Im Anschluss an das Referat stieg Harald Asel mit der Frage an Michael Heine ein, was Oberschöneweide denn mit der neuen HTW erwartet. Heine sagte, dass mit über 6000 Studenten, die im Sommer hier am Standort studieren werden, natürlich einiges los sein wird. Spannende Veranstaltungen, beispielsweise im Fachbereich Informatik, würden die Studenten erwarten. Auf Carsten Ottes Referat Bezug nehmend, ging er gesondert auf „kreative“ Studiengänge wie Modedesign ein, die ebenfalls an der HTW angeboten würden.
Im Anschluss fragte Asel den Vertreter der Bürgerplattform „Organizing Schöneweide“, Andreas Mölich, ob denn Oberschöneweide schon da sei, wo er es sich vorstelle. Mölich erwiderte, dass natürlich viel geschafft sei und tolle Möglichkeiten gegeben sind, den Standort weiter zu entwickeln – man denke nur an die positive Mietensituation oder auch die schöne Umgebung und Landschaft um Oberschöneweide herum. Gleichzeitig fehle es aber ganz klar noch an den wirtschaftlichen Impulsen. Auch hier sei die Bürgerplattform sehr aktiv und kooperiere mit Politik und Verwaltung.
An Wolf Schulgen aus der Senatsverwaltung richtete Asel die Frage, wie viel denn von der Entwicklung Oberschöneweides auf das Konto der Stadtentwicklung geht, wie viel aus anderen Quellen stammt. Schulgen erläuterte, dass ein solcher Industriestandort sich niemals von allein erholen würde – nach solch einem tiefgreifenden Strukturwandel. Schließlich seien von ehemals 28.000 Arbeitsplätzen in den Fabriken gerade einmal um die 2.000 erhalten geblieben. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat hier erfolgreich und intensiv eingegriffen, so mit Programmen der Sanierung als auch des Quartiersmanagements. Es mussten zunächst einmal Strukturen geschaffen werden, um junge Familien überhaupt nach Oberschöneweide zu locken und da war die Ansiedlung der HTW natürlich ein ganz großer Schritt in die richtige Richtung, um Leben und Entwicklung in das Gebiet zu bekommen.
Adlershof - Ein Sonderfall? So die Frage Asels an den WISTA-Geschäftsführer Hardy Schmitz. Dieser stellte
Parallelen und Unterschiede fest. Natürlich hätten beide Standorte ähnliche
Ausgangsbedingungen. Praktisch würde man bei Null anfangen. Gleichzeitig hatte
Adlershof nicht den Vorteil vorhandener Gebäudestrukturen, seien es Wohngebäude
oder die jetzt leer stehenden Fabrikhallen. In Oberschöneweide ist etwas da
worauf sich aufbauen ließe, wohingegen Adlershof im Vergleich „synthetischer“
ist.
Der Moderator fragte dann Michael Heine nach den Gründen, weshalb die HTW überhaupt soweit in den Berliner Südosten gezogen sei, was sie sich von diesem Schritt verspräche. Heine erklärte daraufhin, dass die HTW bislang auf fünf Standorte in der Stadt verteilt war und dies die Forschung sehr erschwere. Lange Wege auf denen sich die Forschenden eigentlich kaum über den Weg liefen. Nun könne man guter Hoffnung sein, die Ressourcen miteinander zu koppeln und damit auch erfolgreicher forschen zu können. Hierfür sei natürlich wichtig, dass auch das Umfeld stimmt. Die Studenten müssten eben auch mal einen Kaffee trinken gehen können, wozu es entsprechende Angebote geben müsse.
Auf Asels Frage, ob die HTW denn als Pionier für Oberschöneweides Entwicklung diene, antwortete Heine, dass dies natürlich zu einem gewissen Teil so ist. Würden sich nur 10% der Studenten hier ansiedeln, stiege die Kaufkraft des Standortes um eine halbe Million Euro monatlich. Aber selbstverständlich braucht es weit mehr als die HTW, um Oberschöneweide nach vorn zu bringen. Deshalb suche man auch die Zusammenarbeit mit beispielsweise dem kleineren Gewerbe vor Ort.
Carsten Otte
wurde daraufhin von Harald Asel
gefragt, ob ihm das hier denn alles zu seriös, zu nett, wäre. Otte meldete daraufhin Zweifel an, ob
sich die Entwicklung so selbstverständlich erwarten lässt, wie die Beteiligten
sich das vorstellten. Man müsse sich ja immer an Stelle eines jungen Menschen
die Frage stellen: `Warum soll ich hier herziehen?`. Otte warnte davor, Oberschöneweide als Selbstläufer zu betrachten.
Vielmehr müsse in Kultur investiert werden, wozu man die vorhandene Infrastruktur
bestens nutzen könne.
In der Folge versuchte der Moderator das Thema einmal topographisch zu beleuchten. An Wolf Schulgen stellte er die Frage, wie denn die Frage der Öffnung des Spreeraumes mit dem Wunsch nach Ansiedlung von Wirtschaft und Industrie zusammenginge. Dieser erwiderte darauf, dass man ganz bewusst die Öffnung der Spree vorangetrieben habe. Was heute selbstverständlich ist, sei damals noch hart diskutiert worden. Beispielsweise der Bau des Kaiserstegs zwischen Nieder- und Oberschöneweide. Schulgen wies auch darauf hin, dass im kulturellen Bereich durchaus punktuell schon beachtliche Erfolge erzielt werden konnten. Was man bei alle dem jedoch nicht vergessen sollte, seien die „normalen“ Menschen. Also jene, die weder Kulturschaffende noch Studenten oder junge Familien sind. Auch für diese müssen man Stadtentwicklungspolitik machen.
Daraufhin ergriff Andreas Mölich das Wort und beklagte, dass das bisher Erreicht alles ganz gut und schön ist, dies aber längst nicht ausreiche. Organizing Schöneweide habe Ideen und konkrete Projekte entwickelt, aber von Senatsseite her komme da zu wenig.
Gefragt nach der Bedeutung der HTW für Oberschöneweide erläuterte Hardy Schmitz seine Vorstellungen von der Entwicklung des Standortes. Ganz wichtig sei, Oberschöneweide „zu einer Adresse für etwas“ zu machen, Ansatzpunkte zu anderem Gewerbe zu finden. Das tolle Potential mit den Industriegebäuden und Fabrikhallen müsse aktiv beworben werden. Von allein käme keine Entwicklung. Vernünftige Maßnahmen müssten jetzt angepackt werden und Oberschöneweide müsse mit einer Botschaft an den Markt.
Harald Asel wies in der Folge daraufhin, dass Oberschöneweide natürlich nicht das einzige Entwicklungsgebiet der Hauptstadt ist, vielmehr ein Konkurrenzkampf zwischen den zu fördernden Gebieten besteht. An Wolf Schulgen stellte er darum die Frage, ob Politik bestimmen müsse, wo was gefördert wird.
Natürlich gebe es viele Baustellen in Berlin, man denke an den Campus Charlottenburg, Tempelhof, die Heidestraße und viele mehr, so Schulgen. Die Schwierigkeit bestehe eben gerade darin, die knappen vorhandenen Mittel da einzusetzen, wo sie die größte Wirkung entfalten können. Man könne keine Gebiete zugunsten anderer liegen lassen.
Nach seiner Einschätzung der Dinge gefragt, meinte Carsten Otte, dass man den Menschen hier vor Ort etwas bieten müsse. Kultur könnte so etwas sein. Von einer solchen Entwicklung könnten die Menschen ganz konkret profitieren.
Michael Heine
ergänzte, dass Oberschöneweide natürlich kein Selbstläufer ist und es
aktive
Entwicklungspolitik benötige. Man brauche natürlich Arbeitsplätze im Bereich
Dienstleistung, Industrie und wissensbasierter Arbeit.
„Ziehen Sie sich aus der Entwicklung von Oberschöneweide zurück?“ fragte daraufhin Harald Asel die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Person von Wolf Schulgen. Dieser wies darauf hin, dass Stadtentwicklung ein sehr langer Prozess sei. Vor 15-20 Jahren war in Adlershof auch noch nicht absehbar, welch Erfolg sich einmal einstellen würde. Man brauche eben einen langen Atem.
Harald Asel wies dann darauf hin, dass in Adlershof die Bedingungen ja nicht so gut gewesen seien, schließlich hätte es dort nicht wirklich einen Kiez gegeben. Dem stimmte Hardy Schmitz zu, der aber erläuterte welch unglaubliche Wirkung die dortigen Studenten auf den Standort gehabt hätten. Des Weiteren habe man in Adlershof lange an einer Marke gearbeitet. Für die HTW in Oberschöneweide muss es Aufgabe sein, kleine Andockstationen für die Wirtschaft zu schaffen und generell am Aufbau eines wirtschaftlichen „Speckgürtels“ zu arbeiten.
Wie wichtig die historischen Gebäude für Investoren seien, fragte Asel in der Folge Andreas Mölich. Dieser erwiderte, dass die bauliche Struktur sicher ein Alleinstellungsmerkmal Oberschöneweides sei.
Carsten Otte fragte daraufhin in die Runde inwieweit denn überhaupt die Industriegeschichte des Stadtteils in der Entwicklung berücksichtigt würde.
Hardy Schmitz entgegnete, dass es gut gewesen sei, hier keinen Kahlschlag vorgenommen zu haben. Er würde auch dazu raten, nicht auf die Großansiedlungen zu setzen sondern er würde eine eher kleinteilige Struktur empfehlen, in der sich Nischen bilden können.
Am Ende ging Harald Asel noch einmal auf die Bürgerbeteiligung ein. Andreas Mölich stellte die Senatsverwaltung noch einmal zur Rede und beklagte ein zu geringes Engagement von deren Seite. Wolf Schulgen antwortete darauf, dass Bürgerbeteiligung gut und notwendig sei, aber es in Berlin eben viele Standorte gäbe, die Unterstützung benötigten. Dass die Bürgerbeteiligung wirkungsvoll sein kann, zeige sich ja daran, dass die HTW hierher gekommen sei, was auch mit dem Engagement der Bürger vor Ort zusammenhinge.
Zusammengefasst war die Diskussion getragen von dem Konsens, dass Oberschöneweide aufgrund städtischer Sanierungsprogramme ein stabiles Fundament hat, auf dem es aufbauen kann. Ein wichtiger Faktor ist die HTW, deren Auswirkungen auf den Stadtteil man erst im Sommer wirklich erfassen werden kann – dann startet das Semester mit 6.000 Studenten. Uneinigkeit bestand über Weg und Geschwindigkeit in die Zukunft. Weist der Senat auf langwierige Prozesse hin, die ihre Zeit brauchen, drängt Organizing Schöneweide eher auf rasche Maßnahmen zur Entwicklung des Stadtteils. Ob nun mehr Kunst und Kultur oder doch eher klassische Wirtschaftsbereiche angpeilt werden sollen, darüber waren sich die Diskutanten bis zuletzt nicht einig. Einig jedoch war man sich darin, dass der Begriff „Schweineöde“ für Oberschöneweide höchstens noch als bewusst gewählter Markenname die Lage treffend beschreibt.
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RBB Inforadio |
Autor von "Schweineöde", Journalist |
Präsident Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin |
Organizing Schöneweide, Geschäftsführer Sable Systems |
Geschäftsführer WISTA- Management |
Leiter der Abteilung Wohnungswesen, Stadterneuerung, Soziale Stadt, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung |