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„Ausgestaltung und Perspektiven – Wie steht es um die Schulreform?“
unter diesem Motto stand eine spannende Abendveranstaltung der Berliner
Wirtschaftsgespräche e.V.
Die Diskussion fand im Abgeordnetenhaus von Berlin, im Sitzungsraum der FDP statt, die ihn eigens dafür zur Verfügung gestellt hatte.
Es war gelungen, die bildungspolitischen SprecherInnen oder bildungspolitischen Akteure aller Fraktionen an diesem Abend gemeinsam ins Gespräch kommen zu lassen: Kathrin Bernikas (Fachgruppe Bildung in Marzahn-Hellersdorf, CDU), Özcan Mutlu (Bildungspolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen), Mieke Senftleben (Bildungspolitische Sprecherin der FDP), Wolfgang Schimmang (Bezirksstadtrat (SPD) Neukölln) und Steffen Zillich (Bildungspolitischer Sprecher der Linksfraktion).
Moderiert wurde der Abend durch Susanne
Vieth-Entus
vom Tagesspiegel.
Ausgestaltung und Perspektiven
Nach langen Diskussionen um die Schulstruktur in Berlin legte der Berliner Bildungssenator Zöllner einen Reformvorschlag zur „qualitativen Weiterentwicklung der Schulstruktur“ vor.
Kern der Strukturreform ist die kurzfristige Zusammenlegung der Haupt- und Realschulen zu so genannten Regionalschulen bis 2010/11. Darüber hinaus soll diese Schulform dann konsequent zu einer Ganztagsschule ausgebaut werden. Die Gymnasien seien, laut Zöllner, zwar reformbedürftig blieben jedoch als zweite Schulform in Berlin erhalten.
Prinzipiell ist zu sagen, dass es für die allgemeine Notwendigkeit einer Schulstrukturreform mehrheitlich eine Zustimmung an diesem Abend gab. In der Frage des Wie, des Wann und der inhaltlichen Ausgestaltung gab es – wie anzunehmen – deutliche Differenzen im parteipolitischen Spektrum.
Welche dieser Punkte dabei umstritten sind, wurde an diesem Abend sehr deutlich.
Von der Hauptschule zur Sekundarschule – Ein reiner Etikettentausch?
Umbenennung oder tatsächliche Veränderung bei der Zusammenführung von
Haupt- und Realschule zur Sekundarschule, diese Frage eröffnete die Diskussionsrunde
an diesem Abend.
Steffen Zillich konnte sich
hierbei klar positionieren: Die neue Sekundarschule sei sehr gut ausgestattet
und aufgestellt. Zudem liege der Fortschritt in der Überwindung der frühen
Selektion und der Integration aller Bildungsabschlüsse in die Struktur. Er
räumte ein, dass der Veränderungsprozess Zeit brauche und begleitet werden
müsse von Lehrerfortbildungen und einer Veränderung der Lehrerausbildung.
Um zu verhindern, dass ehemalige Hauptschulstandorte durch die Stigmatisierung gemieden werden, müssten die Bezirke ein aktives Standortmanagement betreiben.
Zu diesen Aspekten ergänzend, sah Wolfgang Schimmang für das
Sekundarschulkonzept
den konsequenten Ausbau der Nachmittagsangebote als wichtiges Element. Damit
sei nicht nur der Ganztagsschulbetrieb gemeint, sondern die Integration
außerschulischer Professionalität in die Schule. Kathrin Bernikas übte
deutliche Kritik an der Reform. Dabei zielte sie insbesondere auf den zeitlichen
Umsetzungsrahmen und die inhaltlich-pädagogische Fundierung ab. Die Reform
würde die Frage der Qualitätssicherung nicht beantworten, da es an einem
inhaltlich-pädagogischen Konzept fehle, welches die Lehrer und Lehrerinnen mitnehme,
vorbereite und ihnen Möglichkeiten des ‚Wies’ des zukünftigen Arbeitens
aufzeige.
Auch Özcan
Mutlu hält – daran anschließend – eine Fort- und Weiterbildungsinitiative
für
zwingend notwendig. Konkret bedeutet das für den Grünenpolitiker auch, dass
es wichtig sei, an die Hochschulen heranzutreten und die Reform der Lehrerausbildung
aktiv mitzugestalten. Die gute Ausstattung der Bildungsgänge dürfe sich darüber
hinaus nicht auf die Sekundarschule beschränken, sondern müsse von der
Grundschule bis zum Gymnasium weiter ausgebaut werden.
Auch aus dem Plenum wurde im Verlauf der Diskussion an diese Punkte angeknüpft. Die Teilnehmer baten insbesondere darum, sich mehr Zeit in der Umsetzung zu lassen, die LehrerInnen besser darauf vorzubereiten und die pädagogischen Rahmenbedingungen zu legen. Dazu gehöre auch die Ausstattung der Schulen mit genügend LehrerInnen, um eine niedrige Klassenfrequenz sicherzustellen. Betroffene Eltern und LehrerInnen spiegelten an diesem Abend, dass sie sich nicht mit ins Boot geholt fühlten in diesem Prozess.
Zwischen Aufnahmetest und Losverfahren
Des Weiteren wurde an diesem Abend auch
die Frage nach der Zugangsregelung zu den Gymnasien diskutiert. Über Letzteres
war brandaktuell an diesem 26. Mai entschieden worden. Beschlossen wurde, dass
die Zugangsregelung bei Überkapazität durch ein schulspezifisches
Auswahlverfahren (50% der Plätze) und ein Losverfahren (50% der Plätze) bestimmt
wird. Diese Verfahrensweise wurde von den meisten anwesenden skeptisch
hinterfragt. Die Gründe dafür lagen vor allen Dingen in der Problem der
sozialen Durchmischung der Klassen, der Transparenz der Auswahlverfahren und
der juristischen Sicherung des Losverfahrens. Eine anwesende Mutter kündigte direkt
an, bei Ablehnung im Losverfahren juristische Schritte einzuleiten.
Mieke Senftleben machte an dieser Stelle
deutlich, dass es transparente Kriterien geben müsse, nach denen Gymnasien die
SchülerInnen auswählten. Zugangsregelungen seien wichtig, jedoch würde sie
statt dem Probejahr dafür plädieren, auch an den Gymnasien die individuelle
Förderung möglich zu machen, indem die Lehrerstärke erhöht werde. Das
beschlossene Probejahr würde die Gymnasien jedoch nicht zu individueller
Förderung anhalten. Auch Stimmen aus dem Plenum sahen hierin eine Möglichkeit
der Gymnasien, sich der SchülerInnen „zu entledigen“, die man sich durch das
Losverfahren nicht ausgesucht hatte.
Insbesondere bei den Fragen nach den Zugangsregelungen und dem
Stellenwert der Gymnasien zeichnete sich ein weiterer Diskussionsbedarf ab. Das
Thema der Veranstaltung wird also in den kommenden Monaten viele weitere Fragen
und neue Aspekte für Podiumsdiskussionen bereithalten.
Text: Madeleine Sanchino Martinez (Berliner Wirtschaftsgespräche e.V)
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