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Herausforderung Demografie: Arbeiten bis 67 – aber wie? 

2009_10_05_gesamt_Demograph

Die Gestaltung des Altersstrukturwandels in Unternehmen ist für den Wirtschaftsstandort Berlin von entscheidender Bedeutung. Der Anteil älterer Beschäftigter wächst kontinuierlich.

Vor dem Hintergrund des Umbaus des Rentensystems (Stichwort: Rente ab 67) stehen vor allem stadteeigene bzw. kommunale Unternehmen mit wenig Fluktuation vor großen Herausforderungen. Am Beispiel der Berliner Stadtreinigung zeigt sich, mit welchen betrieblichen Instrumenten  altersgerechte Arbeitsbedingungen und damit die Gesunderhaltung von Beschäftigten ermöglicht wird. Dennoch reichen veränderte Arbeitszeiten, betriebliche Gesundheitsprogramme, veränderte Technik, interne Übergangsmärkte oder Änderungen in der Arbeitsorganisation oftmals nicht aus, um den besonders betroffenen Beschäftigten, wie beispielsweise Müllwerkern, einen langen Verbleib in ihren Tätigkeiten zu ermöglichen, bzw. Beschäftigungsalternativen zu bieten. Betriebliche Handlungsoptionen geraten an ihre Grenzen. Es bedarf vielmehr einer Anpassung von Gesetzen und Tarifverträgen, welche altersgerechte Arbeitsbedingungen unterstützen. Die Politik ist hier im Besonderen gefordert, denn es geht nicht zuletzt um die Konkurrenzfähigkeit städtischer Betriebe im Wettbewerb mit privaten Dienstleistern.

Über die aktuelle Situation mit all ihren Fragen und notwenigen Handlungsmöglichkeiten diskutierten am 5. Oktober 2009 Frau Dr. Martina Morschhäuser (Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin), Frau Margit Haupt-Koopmann (Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit Berlin-Brandenburg), Herr Andreas Horst (Leiter des Referats „Grundsatzfragen des Arbeitsschutzes einschließlich der menschengerechten Gestaltung der Arbeit“ im Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Frau Almuth Nehring-Venus (Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen), Herr Dr.  Paul Kriegelsteiner (Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands NORDOSTCHEMIE), Herr Andreas Scholz-Fleischmann (Personalvorstand der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR)) und Frau Dr. Christa Sedlatschek (Geschäftsführerin Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA)).

Zunächst eröffnete Herr Scholz-Fleischmann die Podiumsveranstaltung mit einem kurzen Problemaufriss. Er skizzierte die unterschiedlichen Problematiken zum Thema demografischer Wandel und verdeutlichte, wie vielschichtig das Herangehen ist und dass es nicht nur ein Problem „Demografischer Wandel“ gibt. Am Beispiel der BSR beschrieb er sehr plastisch, welche Herausforderungen sich mit dem Wegfall von Frühverrentungssystemen ergeben. Als kommunaler Eigenbetrieb der Stadt Berlin hat die BSR einen hohen Altersdurchschnitt im Tätigkeitsfeld der Müllwerker. So gibt es im Unternehmen in diesem Bereich niemanden unter 30 Jahren, die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei 20 Jahren und die Fluktuation liegt fast bei Null. In der Konsequenz bedeutet dies, dass in ca.10 Jahren ungefähr 1000 beschäftigte Müllwerker über 60 Jahre sind und ihrer Tätigkeit nicht mehr nachkommen könnten. Aufgrund der schweren körperlichen Belastung war bisher eine Arbeitszeit bis 58 Jahren üblich, anschließend erfolgte die Frühverrentung. Mit dem Bruch dieser Tradition ergebe sich für die BSR nicht nur ein Problem im Selbstverständnis. Nein, die veränderte Situation erzeuge Unverständnis auf Seiten der Beschäftigten und bewirke  einen Anstieg der Kosten, da Systeme und Strukturen geschaffen werden müssten, um den veränderten Rahmenbedingungen der Verrentung gerecht zu werden.
Das Unternehmen führte bereits Lebensarbeitszeitkonten, Insourcing-Maßnahmen und andere gängige Instrumente zur Bewältigung des Strukturwandels ein, doch Herr Scholz-Fleischmann betonte, dass all diese Maßnahmen nicht ausreichten. Ein Unterstützungsbedarf und das Eingreifen der Politik erachtet er als dringend notwendig. Im Anschluss an diese ersten Ausführungen stellte Andreas Horst ebenfalls die Bedeutung der Diskussion um den demografischen Wandel heraus. Dieser sei (auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive) nicht verhandelbar, es müsse ein Umdenken einsetzen. Er unterstrich, dass sowohl auf politischer als auch auf Unternehmensseite schon einige Instrumente erfolgreich erarbeitet und eingesetzt werden, die Maßnahmen jedoch noch nicht ausreichten. Er stellte vor allem die Selbstverantwortung der Beschäftigten einerseits und die der Unternehmen andererseits heraus, um eine Arbeitsfähigkeit (workability) langfristig zu erhalten. Eine veränderte Einstellung zum Thema Arbeit als sinnstiftende und wertschöpfende Tätigkeit müsse sich wieder entwickeln. Er würde in der Bevölkerung nicht wahrnehmen, dass die Arbeit als Wert wahrgenommen würde.
An die Ausführungen ihrer Vorredner knüpfte Frau Haupt-Koopmann an, indem sie zuallererst auf das fehlende Problembewusstsein der Unternehmen einging. Sie nannte die aktuellen Zahlen, die besagten, dass der Anteil älterer Beschäftigter an betrieblicher Weiterbildung, wenn diese stattfindet, sehr gering ist; in Berlin liege er bei etwa 4%. Darüber hinaus bedienen sich etwa 18% der Berliner Unternehmen des Instruments Altersteilzeit, mit der Konsequenz, dass sich nur „wohlhabende“ Beschäftigte einen früheren Ausstieg leisteten. Die größten Probleme sieht sie jedoch bei Klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) mit einer Mitarbeiterzahl unter 10, da hier das Thema demografischer Wandel kaum aufgegriffen wird. Sie plädiert daher für eine stärkere Sensibilisierung und einen Bewusstseinswandel. Sie fordert, früh im Erwerbsleben mit gesundheitserhaltenden Maßnahmen zu beginnen, so schon beispielsweise in der Ausbildung bzw. mit Eintritt in das Unternehmen.

An das Thema Sensibilisierung und Bewusstseinswandel knüpfte Herr Dr. Kriegelsteiner in seinem Beitrag an. Die Chemiebranche schloss neben der Stahlindustrie als erste einen Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“. Er berichtete über die Hintergründe, die zum Abschluss des Tarifvertrags führten und stellte hier vor allem ebenfalls ein mangelndes Problembewusstsein der Unternehmen dar. Ähnlich der Situation bei der BSR ist es vielen Beschäftigten in der chemischen Industrie nicht möglich, bis 67 zu arbeiten. Die bisherigen Maßnahmen beliefen sich auf Regelungen zur Altersteilzeit, welche so nicht mehr möglich sind. Alternativen würden kaum erarbeitet und erprobt, zum großen Teil auch weil Personalverantwortliche und Führungskräfte das Problem noch nicht verinnerlicht hätten. Seitens des Arbeitgeberverbandes wurde mit der Einführung des Tarifvertrags nun in einem ersten Schritt eine Analyse hinsichtlich des Altersdurchschnitts der Beschäftigten, ihrer Funktion und der Qualität ihrer Arbeit gestartet. In den ersten Ergebnissen zeigt sich, dass diese Art der Bestandsaufnahme bisher nicht geleistet wurde und nun zu einer Art „Aufwachen“ der Unternehmen führt. Es werden Maßnahmen wie betriebliche Zusatzversorgung entwickelt, vor allem ginge es aber um eine Bewusstseinsschaffung sowie die Einsicht, dass der demografische Wandel gestaltbar ist. Zum Thema Gestaltbarkeit berichtete Frau Dr. Sedlatschek über die Arbeit der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und stellte heraus, wie wichtig Unternehmen für den Dialog und zur Entwicklung von Instrumenten sind. Der Schwerpunkt liege auf KMUs, denn wie Frau Haupt-Koopmann sieht sie hier die größten Probleme, vor allem im Bereich Fachkräftemangel. Sie berichtete über Erfolge in der Gestaltung und Entwicklung von Instrumenten zusammen mit Unternehmen, die vor allem die Gestaltung eines guten Arbeitsklimas,  gesunderhaltende Maßnahmen und Qualifizierung zum Ziel haben. Aus politischer Perspektive stellte Frau Nehring-Venus einen verstärkten Handlungsbedarf fest. Sie sehe noch keine Lösung, das Thema sei aber neben der Gesunderhaltung eng mit dem Work-Life-Balance zu verknüpfen. Für sich zog sie die Schlüsse, verstärkt in die einzelnen Unternehmen zu schauen, da die Probleme sehr differenziert zu bewerten  und ein Bewusstsein zu schaffen seien. Eine Möglichkeit liege hier in der Verbandsarbeit.

Mit der Öffnung ins Publikum wurde der Aspekt Arbeitsverdichtung diskutiert. Die Frage nach Möglichkeiten der Entdichtung von Arbeit bzw. Reduzierung von Komplexität wurde gestellt. Hierzu wurde herausgestellt, dass das Thema Gesundheit noch eher „frisch“ ist und erst mit den Betrachtungen des demografischen Wandels aufgekommen seien. Partizipation und Mitbestimmung seitens der Beschäftigten sei hier ein wichtiger Baustein zur Gestaltung.

Im Fazit zeigt sich, dass es bereits viele aktive Unternehmen gibt, die sich dem Thema nähern und Instrumente und Maßnahmen entwickeln, von denen man lernen kann. Dennoch ist das Bewusstsein für einen Veränderungsprozess sowohl bei Unternehmen als auch bei den Beschäftigten noch sehr gering vorhanden. Es müsse verstärkt Aufklärungsarbeit und 'good practice' geschaffen werden, um die Angst vor dem Thema zu verlieren.

 Text: Katharina Höhne (Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.)

 

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