

Eine Berliner Kunsthalle?
(von Kerstin Lassnig)
„Be
Art – Be Berlin“ – die Berliner Kunstszene hat sich in den letzten Jahren zum
zweiten Mal rasant entwickelt. Während seit den 1990er Jahren Berlin
insbesondere für junge Künstler, die hier günstige Arbeits- und Lebensbedingungen
und ein kreatives und „hippes“ Umfeld finden, interessant war, haben jetzt auch
international renommierte Künstler die Stadt für sich entdeckt. In kurzer Zeit
hat sich die Zahl der Galerien fast verdoppelt und inzwischen sind auch so
bekannte Namen wie Haunch of Venison, Sprüth Magers und Captain Petzel in
Berlin vertreten. Sammler eröffnen private Kunsthallen oder stellen in ihren
Wohnungen ihre Sammlungen aus. Erstmalig zeigen Galerien, private
Ausstellungsinitiatoren und Kunstsammler ihre Künstler in museumsgleichen
Ausstellungsräumen. Und im Sommer dieses Jahres wurden in der Stadt fast
zeitgleich mit Annie Leibowitz, Cindy Sherman und Gilbert & George einige
der international bedeutendsten zeitgenössischen Künstler präsentiert. Berlin
findet große Beachtung und der Kunstmarkt hat sich zum Standort- und
Imagefaktor für die Hauptstadt entwickelt. Berlin hat sich als Kunststandort
durchgesetzt – national und international.
Spätestens
seit der Ausstellung „36x27x10“ im Jahr 2005 im Palast der Republik wird die
Notwendigkeit einer städtischen Kunsthalle innerhalb der Kunstszene und im
politischen Raum wieder intensiv diskutiert. Immer wieder wurde beklagt, dass
die in der Stadt ansässigen Künstler zu wenig präsent sind und ihnen keine
adäquaten musealen Ausstellungsmöglichkeiten geboten werden. Beim
Regierungsantritt 2006 ist das Thema Kunsthalle durch den Regierenden
Bürgermeister Klaus Wowereit in das neue Programm mit aufgenommen worden. Im
Jahr 2008 wurde nach nur einjährigem Vorlauf die privat initiierte Temporäre
Kunsthalle Berlin mit großen Erwartungen auf dem Schlossplatz eröffnet. Und
seit einigen Monaten wird in der Stadt die Frage diskutiert, ob eine städtische
Kunsthalle besser in einem Neubau am Humboldthafen oder in der ehemaligen
Blumengroßmarkthalle am Jüdischen Museum in Berlin-Kreuzberg angesiedelt wäre.
Braucht
Berlin wirklich eine Kunsthalle? Die in Berlin ansässigen international
bekannten Künstler werden inzwischen nicht mehr nur in den Galerien der Stadt
ausgestellt. Zurzeit ist eine großartige Ausstellung von Thomas Demand in der
Neuen Nationalgalerie sowie Bilder Daniel Richters sind im Hamburger Bahnhof zu sehen.
Im Frühjahr des kommenden Jahres veranstaltet der Gropius-Bau eine große
Werkschau mit Olafur Eliasson. Die Berlinische Galerie zeigt in ihrer aktuellen
Ausstellung: „89/09 – Kunst zwischen Spurensuche und Utopie“ die Arbeiten von
internationalen „Berliner“ Künstlern, die sich mit der Transformation der Stadt
in den letzten zwanzig Jahren beschäftigen. Ist damit eine der wesentlichen
Fragestellungen eventuell schon gelöst?
Bedeutend
für die Standort- und Wirtschaftsentwicklung in Berlin sind die Anziehungskraft
und das international positive Image, das mit der Berliner Kunstszene verbunden
ist. Der Konzentrationsprozess und der Zuzug national und international
hochkarätiger Galerien in den letzten Jahren lockt mittlerweile – gemeinsam mit
dem art forum berlin und seinen Satellitenmessen – zweimal im Jahr Sammler,
Kuratoren und Kunstinteressierte aus aller Welt nach Berlin. Dennoch wird durch
die in Berlin ansässigen Galerien immer noch hauptsächlich außerhalb der Stadt
verkauft. Worum geht es eigentlich? Es geht darum, dass das positive Image und
die Dynamik, die mit der Kunst- und Kulturszene dieser Stadt verbunden sind,
dazu führen, das Interesse an Berlin (auch für andere Branchen) zu erhalten und
zu befördern. Und es geht darum, dass die Träger dieses positiven Images, die
im Vertrauen auf die Zugkraft und die Attraktivität der Hauptstadt Berlin hier
ihr Atelier oder eine Galerie eröffnet haben und davon leben, auch langfristig
Berlin verbunden bleiben.
Der
internationale Markt für zeitgenössische Kunst ist konjunkturellen Schwankungen
und Trends sehr viel stärker unterworfen als viele andere Branchen. Aber er ist
auch ein fragiler Gradmesser für die Attraktivität und das Interesse an einer
Region oder Stadt. Braucht in Berlin jeder seine eigene Kunsthalle?
Halbherzigkeit und weitere langwierige Diskussionen um das Ja oder Nein einer
städtischen Kunsthalle werden Berlin - auch im Kontext einer dynamischen
internationalen Entwicklung im Kunstmarkt - nicht gut tun. Notwendig ist
vielmehr nach der Entscheidung der SPD zur „mobilen Kunsthalle“ vom 4. November
2009 die Bündelung von Initiativen sowie des öffentlichem und privaten Engagements.
Im Vordergrund für alle weiteren Überlegungen sollten die möglichen
programmatischen und inhaltlichen Stärken einer solchen städtischen Institution
stehen. Wichtig sind vor allem die Einbettung und der Bezug zur Berliner
Kunstszene und die Vernetzung auf höchstem internationalen Niveau. Nochmals ist
auch die Frage des Realisierungszeitraumes zu betrachten. Die Perspektive einer
zeitnahen Umsetzung einer „festen“ städtischen Kunsthalle ist ein wichtiger
Faktor für das Image Berlins als Kunststandort. Deshalb sollten auch nochmals
die möglichen Modelle einer privat/ öffentlichen Kooperation zur Realisierung
geprüft werden.
Sprüth
Magers sagten im vergangenen Herbst in einem Interview für das art-Magazin: „Berlin ist einfach einer der wichtigen Orte, wo der Diskurs geführt wird.“ Und nicht zu vergessen ist „Was auch für Berlin spricht, und nicht im Sinne eines Hypes, sondern
langfristig, ist die rasante Entwicklung im Osten, in der ehemaligen
Sowjetunion, in China. Von dort aus wird Berlin angesteuert.“ Es ist sehr
wichtig für Berlin, dass das so bleibt.
Kerstin
Lassnig
(Mitglied
des Vorstandes der Berliner Wirtschaftsgespräche)