
Rekommunalisierung – Ein
neuer Trend?
Egal ob Entsorgungswirtschaft,
Reinigung, Krankenhäuser oder Verkehrsbetriebe: Immer mehr Kommunen haben in
den vergangenen Jahren ihre Betriebe auf den Prüf-stand gestellt und angesichts
leerer Kassen in vielen Bereichen auf Privatisierung ge-setzt. Effizienter und
billiger sollten die ‚Privaten’ die öffentlichen Aufgaben erledigen. Doch
inzwischen weist ein neuer Trend in die andere Richtung – rekommunalisieren und
damit sparen. Mit dem Auslaufen von Konzessionsverträgen in den nächsten Jahren
wird bereits über Alternativstrategien zur Neuausschreibung der Konzession
nachge-dacht, auch in Berlin. Oft gehen die Überlegungen dahin, die Betriebe
wieder in die eigene Hand zu nehmen. Die Hintergründe liegen nah: Mit der
Rekommunalisierung steigt der Einfluss auf die Gestaltung des Dienstleistungsangebots
und der Preise.
Am 23. November 2009 diskutierte Johannes
Kwaschik (Cat Consulting GmbH und
Mitglied der Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.) mit Klemens Bellefontaine
(Geschäfts-führer Mittelrheinische Treuhand GmbH), Michael Müller (Vorsitzender
der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses), Dr. Håvard Nymoen (Geschäftsführender
Gesellschafter nymoen strategieberatung), Jens-Michael Otte (Leiter des
Öffentlichen Sektors der Deut-schen Bank), Michael Thomalla (Geschäftsführer
Städte- und Gemeindetag Mecklen-burg-Vorpommern und Aufsichtsratsmitglied WEMAG
AG) und Ewald Woste (Vorsit-zender des Vorstands Thüga AG) über aktuelle
Entwicklungen und Perspektiven der Re-kommunalisierung.

Nach einleitenden Worten zur
Berliner Situation durch den Gastgeber Frank Jahnke (Wirtschaftspolitischer
Sprecher der SPD Fraktion und Mitglied
des Abgeordnetenhauses von Berlin), eröffneten Michael Thomalla und Klemens
Bellfontaine mit dem Beispiel der
Rekommunalisierung eines Mecklenburger Energieversorgers, der WEMAG AG, die
Diskussion. Innerhalb von 6 Monaten sei es 2009 gelungen, das einst
mehrheitlich privat geführte Unternehmen zu rekommunalisieren. Nachdem der
Energiekonzern Vattenfall Europe seine 80%igen Mehrheitsanteile zum Verkauf gestellt
hatte, übernahm der bishe-rige kommunale Anteilseignerverband (ein
Zusammenschluss aus 268 Kommunen) diesen Anteil. Mit einem Kommunalkredit
konnte das Vorhaben finanziert werden. Um auch zukünftig eine Stabilität und
Sicherung zu gewährleisten, würden alle Dividenden-zahlungen direkt in die
Abzahlung des Kredits fließen, nicht in die Kassen der Kommu-nen. Unterstützung
bekämen die Kommunen bei diesem Vorhaben vom Innenmini-sterium
Mecklenburg-Vorpommern. Eine der Bedingungen war hierbei die Beteiligung eines privaten
Minderheitsanteilseigners, den die Kommunen in der Thüga AG fanden. Das
Unternehmen hält 25, 1 % der Anteile. Die Thüga AG selbst ist ebenfalls ein
rekom-munalisiertes Unternehmen, wie Ewald Woste im Anschuss berichtete. Der
Thüga liegt ein interessantes Geschäftsmodell zugrunde. Noch bis Oktober 2009
gehörte das Unter-nehmen dem E.ON-Konzern an, der 100 Prozent der
Unternehmensanteile besaß, und ist aktuell an ein kommunales Erwerberkonsortium
verkauft worden. Die Thüga AG ist an
rund 110 regionalen Energieversorgern in zwölf deutschen Bundesländern
beteiligt, meist mit Minderheitsbeteiligungen. Die Minderheitsbeteiligungen
ermöglichen es dem Konzern auch an kommunalen Versorgern beteiligt zu sein,
deren vollständiger Erwerb aufgrund politischer Vorbehalte als nicht durchführbar
erscheint, wie das Beispiel der WEMAG AG zeigt. Dieses Geschäftsmodell, so Woste,
sei neuartig und müsse sich erst bewähren. Er betonte, dass Rekommunalisierung
nichts mit Sozialromantik zu tun hätte, im Gegenteil: In einem so hart
umkämpften Markt ginge es um Kostenoptimierung. Rekommunalisierug müsse daher
auf betriebswirtschaftlicher Basis gerechnet werden. Dieses unterstrich Jens-Michael
Otte. Er sieht ebenfalls einen verstärkten Trend zur Re-kommunalisierung und
bestätigte, dass Stadtwerke ehemals kommunale Unternehmen zurückkaufen bzw. in
diese Unternehmen investieren würden.
Gerade im Energieversorgungs-bereich
könnten Kommunen stabile Geschäftspläne entwickeln und langfristig planen.
Damit seien In-vestitionen in kommunale Eigen-betriebe sicherere Anlagen als es
in anderen Branchen der Fall wäre. Die wichtigste Voraussetzung hierfür sei aber
eine strenge marktorien-tierte, betriebswirtschaftliche Aus-richtung, weniger
eine politische. Doch müssten Kommunen vor diesem Hintergrund sehr genau entscheiden,
in welchen Bereichen sie mitgestalten wollen würden. In seinen Ausführungen
stellte Dr. Harvard Nymoen heraus, dass kommunale Träger ein klares Bild
über die Wettbewerbssituation entwickeln und sich entsprechend ihrer Ziele
aufstel-len müssten. Mit dem Auslaufen der Konzessions-verträge würden viele
Kommunen über eigene Versorgungsstrukturen nachdenken. Für kleine Stadtwerke
würde der Bereich Energieerzeugung wenig gewinnbringend und kaum möglich sein, da
der Vertrieb selbst einem starken
Wettbewerb unterliege. Netzbetriebe würden sowohl eine stabile Dividende als
auch Investitionsbedarf ver-sprechen. Hier gelte es für Kommunen, genau zu eruieren,
welche Möglichkeiten sich eröffneten und welche Risiken sie eingehen könnten.
Aber wie sieht die Berliner
Situation aus?
Michael Müller gab hier
Einblicke in Spielräume und führte Rekommunalisierungs-tendenzen an verschieden
Beispielen aus. Er machte deutlich, dass nicht jede Priva-tisierung
zurückgenommen werden könne. Die entscheidenden Betriebe seien hierbei die
GASAG, die Berliner Wasserbetriebe und die S-Bahn. Vor allem die Diskussion um
die Wasserbetriebe sei eine wichtige, da hier eine hohe politische
Verantwortung liege. Der Vertrag müsse hier insbesondere diskutiert werden.
Bezogen auf den Rückkauf der GASAG-Anteile verwies er auf die noch offenen
Fragen. Gleichzeitig sprach er über die Möglichkeiten einer kommunalen
Trägerschaft der S-Bahnen. Hier sei das Know-How vorhanden und eine
Verantwortung sei für ihn an dieser Stelle denkbar.
In der Diskussion zeigte sich, dass
die Modelle zu kommunalen Beteiligungen und Re-kommunalisierungsprozessen
vielschichtig sind. So gibt es in einigen Kommunen auch direkte Beteiligungen
von Bürgerinnen und Bürgern mit eigenen Anteilen. Elementar für jegliche
Überlegungen zur (Re-)Kommunalisierung sind aber genaue Zielvorstellungen, welche Richtung eingeschlagen werden soll, sowie die
betriebswirtschaftliche Ausrich-tung der Unternehmungen. Erst dann eröffnet eine
Rekommunalisierung von Unterneh-men die Chance, tatsächlich politisch
gestalterisch tätig zu werden.
Text und Fotos: Katharina Höhne (Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.)