Creative Industries: Wirtschaftskraft für BerlinDie Creative Industries sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Berlin: Die 18.000 Unternehmen der Kreativwirtschaft erwirtschaften 2005 mit ihren etwa 90.000 Beschäftigten immerhin 11 Prozent des Bruttoinlandproduktes von Berlin. Durchaus beeindruckende Zahlen – aber wie lassen sich die kreativen Potenziale noch besser ausschöpfen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Veranstaltung zur Kreativwirtschaft der Berliner Wirtschaftsgespräche (BWG) vom 12. Juni 2007.
Berlin, Berlin, wir fahren nach BerlinDie Stadt als Kulturmetropole zu vermarkten, das ist der Ansatz der Kulturmarketingkampagne „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“. Die Kampagne soll die Kultur und die Kreativwirtschaft in Berlin weiter stärken, führte die Gastgeberin Uli Mayer-Johannssen, MetaDesign aus.
Offen ist freilich, in welcher Beziehung die Kulturmarketingkampagne und deren Motto zu der Imagekampagne steht, die der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, unter der Überschrift „Berlin – Stadt des Wandels“ ins Leben gerufen hat. Wie dem auch sei – die Stadt will offenbar mehr für ihr Standortmarketing tun und die Marke Berlin pushen.
Aber ist das das Mittel der Wahl, um die Kreativwirtschaft (und den Rest der Stadt) in Schwung zu bringen?
Standortmarketing oder Unternehmensförderung?
Es geht jedenfalls auch anders: Wien setzt auf Unternehmensförderung statt auf Standortmarketing. Gefördert werden Unternehmen aus der Kreativwirtschaft, die Wachstumsambitionen haben. Das berichtete Norbert Kettner, Geschäftsführer der Wiener Departure Wirtschaft, Kunst und Kultur GmbH, auf der BWG-Veranstaltung in seinem Impulsvortrag. Erfolgreiche Unternehmen sind, so Kettner, die besten Werbeträger für die Stadt.
Kettner warnte vor einer inflationären Förderung: Für Designer-Socken und kreative Tortenglasur sei das Geld zu schade. Stattdessen geht es ihm um eine Anschubfinanzierung für ambitionierte Unternehmen, deren Ideen und Projekte dem kritischen Blick einer internationalen Jury standhalten. Dauerförderung ist dabei tabu; sie ist in Wien durch die Spielregeln für die Mittelvergabe ausgeschlossen.
Wirtschaftsförderung darf nicht zu Lasten der Kulturförderung gehenSich bei der Förderung von kreativen Unternehmen im Kulturetat zu bedienen, dürfte für viele Politiker eine große Versuchung sein. Der gilt es aber zu widerstehen. Darin war sich Kettner mit dem Staatssekretär für Kultur des Landes Berlin, André Schmitz, einig.
Bei Kunst und Kultur will Schmitz vor allem Exzellenz gefördert sehen. Mit Blick auf die Förderung der Kreativwirtschaft hob er die Bedeutung einer ressortübergreifenden Politik hervor und führte als Erfolgsbeispiel das Medienboard Berlin-Brandenburg an, der Anlaufstelle für die Filmförderung in der Region.
Filmindustrie: Geld ist nicht alles Die Filmindustrie Berlins und Brandenburgs darf als erfolgreich gelten; sie hat großen Anteil am Erfolg des deutschen Films – der 2006 in Deutschland einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent erzielte, wie Georgia Tornow, Generalsekretärin film 20 nicht ohne Stolz berichtete.
Das ist zweifellos eine gute Nachricht; gleichwohl dominiert der amerikanische Film weiter den europäischen Markt: 80 bis 85 Prozent der Filme kommen aus Hollywood. Insofern sind die europäische wie die nationale Filmförderung unverzichtbar, meinte Tornow.
Geld ist aber nicht alles: Tornow sah vor allem bei den Verwertungsrechten politischen Handlungsbedarf. Den Rechten der Filmemacher sind enge Grenzen gesetzt, sobald bei ihren Produktionen öffentlich-rechtliche Sendeanstalten mit an Bord sind. Würden die Gewichte hier zugunsten der Filmschaffenden verschoben, sei das letztlich mehr Wert als weitere Fördermittel, sagte Tornow.
Ruf nach Professionalität und PraxisIn einem Punkt herrschte auf der BWG-Veranstaltung schnell Einigkeit: Eine entscheidende Voraussetzung für die Entfaltung der Kreativwirtschaft ist ihre Professionalisierung. Die müsse an die Stelle des „Genieverdachts gegen sich selbst“ (Tornow) treten, der unter den Kreativen weit verbreitet sei.
Der Wunsch nach mehr Professionalität in der Architektur – das war für Hans Kollhoff ein wichtiges Motiv bei der Gründung der Internationalen Bauakademie Berlin, deren Präsident Kollhoff ist. Die Ausbildung der Architekten an den Hochschulen sei alles andere als professionell: Dort arbeite man mit einem völlig antiquierten Lehrmodell und verlöre sich im Übrigen im Künstlerischen.
Demgegenüber sieht Kollhoff die Internationale Bauakademie in der Tradition der historischen Bauakademie Schinkels und will den Absolventen eine Ausbildung bieten, die sie auf die Praxis vorbereitet. Das bedeutet unter anderem: Die Studierenden sollen während ihres Studiums Aufträge erhalten und in reale Projekte involviert werden.
Kooperationen von Wissenschaft und Kreativwirtschaft Eine solide Vorbereitung auf die Praxis und die Fährnisse des Marktes hat auch die Kunsthochschule Berlin Weißensee ihren Studenten verschrieben. Das belege schon die Einrichtung der BWL-Lehrstühle, meinte Gerhard Strehl, Rektor der Kunsthochschule Berlin Weißensee.
Strehl forderte dazu auf, kreative Wissenschaftler mit den Akteuren der Kreativwirtschaft zusammenzubringen: Gemeinsam könnten sie innovative, alltagstaugliche Produkte entwickeln und neue Märkte erschließen. Um solche Kooperationsprojekte ins Laufen zu bringen, sei eine Anschubfinanzierung für die kleinen und mittleren Unternehmen sinnvoll.
Optimismus ohne ÜberschwangAlles in allem zeigten sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion optimistisch – und der höfliche Gast aus Wien versicherte, die Stadt Berlin habe alles, was sie brauche, um in der Kreativwirtschaft erfolgreich zu sein. Freilich warnte Kettner auch vor zu hohen Erwartungen. Darin pflichtete ihm Staatssekretär Schmitz bei: Die Kreativwirtschaft könne den Verlust zehntausender Industriearbeitsplätze nicht von heute auf morgen kompensieren.