Energieeffizienz: Kosten senken, Klima rettenSteigender Energieverbrauch, schwindende Ressourcen, globale Erwärmung: Diese brisante Mischung ist dabei, die Welt auf den Kopf zu stellen. Die Dominanz des Nordens ist so gut wie Geschichte, der Süden wird die Zukunft dominieren. Vor allem Europa könnte von einer beispiellose Einwanderungswelle überrollt werden: Eine Erwärmung des Klimas um durchschnittlich zwei Grad Celsius gegenüber 1990 würde in 80 Prozent der afrikanischen Länder Ernterückgänge um 50 Prozent bedeuten.
Mit diesen Thesen heizte Michael Müller, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, dem Publikum auf dem Unternehmerforum der Berliner Wirtschaftsgespräche ein, das sich dem Mega-Thema „Energie“ und insbesondere der Energieeffizienz widmete.
Paradigmenwechsel in der EnergiepolitikMüller verlangte in seinem Vortrag einen Paradigmenwechsel in der Energiepolitik: Weg von der klassischen Versorgungswirtschaft hin zu dezentralen und vernetzten Energiewirtschaftssystemen. Das 21. Jahrhundert müsse zudem das Jahrhundert der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien werden. Die Volkswirtschaft, der es gelinge, auf diesen Feldern Wettbewerbsvorsprünge zu erarbeiten, werde in Zukunft die führende Volkswirtschaft sein, meinte Müller.
Deutschland habe den Vorteil, dass das Wissen um Effizienzpotenziale schon seit den 80er Jahren bekannt sei. Die Potenziale müssten endlich genutzt werden; dabei gelte es, nicht allein auf den Stromverbrauch zu schauen, sondern auch die Themen Wärme und Verkehr anzugehen.
Energieeffizienz: Ingenieure einbeziehenDie energiepolitischen Debatten werden noch zu sehr von den Energieversorgern und den Unternehmen der Öl- und Gaswirtschaft dominiert, stellte Edda Müller, Vorstand der Verbraucherzentralen Bundesverband e.V., auf der BWG-Veranstaltung fest. „Die Gerätehersteller sind zu leise!“, meinte Frau Müller. Dabei seien gerade beim Thema Energieeffizienz Know-how und Stimme der Ingenieure gefragt.
Frau Müller verlangte mehr Transparenz bei der Kennzeichnung. Beispielhaft forderte sie Hersteller weißer Ware auf, Kühlschränke und Waschmaschinen wieder mit leicht nachvollziehbaren Energieverbrauchs-Kennzeichnungen zu versehen.
Die Forderung nach einfachen und verständlichen Kennzeichnungen leuchtet ein: Denn nur dann können Verbraucher von ihrer Marktmacht Gebrauch machen und ein sparsames Modell auswählen.
Energieversorger: Energie wird teuer bleibenUnd Verbraucher scheinen in der Tat gut beraten, sich für sparsame Geräte zu entscheiden: Die Zeiten „billiger Energie“ sind vorbei, verkündete Hans-Jürgen Cramer. Der Vorstandssprecher von Vattenfall Europe Berlin forderte die Verbraucher zum Energiesparen auf und appellierte an deren Verantwortungsbewusstsein: Geräte möge man bitte abschalten, wenn sie nicht genutzt werden, und vielleicht gehe es ja auch ohne elektrischen Dosenöffner.
Cramer berichtete, welchen Beitrag Vattenfall zum Energie-Mix der Zukunft leisten will. Man werde beispielsweise die Energiegewinnung aus Biomasse ausbauen und auch Projekte in der Geothermie weiterverfolgen.
An Kohle als Energieträger hält Vattenfall fest. Man arbeite an Verfahren zur CO2-Abscheidung in Kohlekraftwerken, sagte Cramer. Die Idee: Das abgeschiedene Kohlendioxid soll im Erdreich eingelagert werden, so dass der vermeintliche Klimakiller Kohle zu einem „klimafreundlichen“ Energieträger mutiert. Welche langfristigen geologischen und klimatischen Folgen die Einlagerung von Kohlendioxid hat, ist freilich umstritten.
Energiekosten senken – aber wie?Unstrittig ist, dass viele Unternehmen ihre Energieeffizienz steigern und damit ihre Energiekosten senken könnten. Allerdings fehlt gerade in mittelständischen Unternehmen oft das nötige Know-how. Zudem muss der Unternehmer zunächst Geld ausgeben, bevor er welches spart: Am Anfang stehen Investitionen in Wissen und Technologie, die sich oft erst nach fünf oder mehr Jahren amortisieren.
Berliner Energieagentur hilftDie Berliner Energieagentur unterstützt Unternehmen mit ihrem Wissen dabei, Energiesparpotenziale zu erschließen. Ihr Geschäftsführer, Michael Geißler, zeigte am Beispiel eines Berliner Unternehmens aus der Glasindustrie, dass sich Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz lohnen können: Das Unternehmen konnte den Wärmebedarf um 50 Prozent und den Stromverbrauch um 10 Prozent senken.
Geißler schlug vor, Energiesparprojekte in Unternehmen nur dann mit öffentlichen Mitteln zu fördern, wenn sie in den Unternehmen auch umgesetzt werden. Noch verschwänden zu viele Konzepte seiner Energieagentur in der Schublade – eine Erfahrung, die er mit Christian Hochfeld vom Freiburger Ökoinstitut teilt.
Ungeplantes EnergiesparenGelegenheit macht Energiesparer – so lässt sich die Erfahrung von Detlef Krüger, Projektleiter bei der Bayer Schering Pharma AG, beschreiben. Krüger stand vor der Aufgabe das Laborgebäude des Unternehmens technisch auf Vordermann zu bringen. Die Steuer- und Regelungstechnik mussten in dem Gebäude aus den siebziger Jahren ersetzt werden. Außerdem galt es, die Lufthygiene für die Labore zu verbessern.
Krüger nutzte die Gelegenheit und senkte dauerhaft die Energiekosten um 20 Prozent – das bedeutet Einsparungen von 700.000 Euro jährlich. Für das Verwaltungsgebäude in der Müllerstraße, das Krüger sich ebenfalls vorgenommen hat, erwartet er immerhin Einsparungen von jährlich 400.000 Euro.
Der Gastgeber des Unternehmensforums zeigte sich von den Beispielen beeindruckt: Holger Hatje, Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank eG, will Kontakt zur Berliner Energieagentur aufnehmen und das Hauptgebäude der Volksbank energetisch optimieren.
Ein Abend ohne AtomstromDas Erstaunlichste an diesem Abend: Niemand sprach über eine Renaissance der Kernenergie. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass die Kernenergie in den energiepolitischen Debatten keine Rolle mehr spielen wird. Viele Länder in und außerhalb Europas haben sich bereits für den Neubau von Atomkraftwerken entschieden – und in Deutschland nutzen die Energieversorger die Klimadebatte zumindest dazu, mit der Politik erneut über die Laufzeiten ihrer Atommeiler zu diskutieren.