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Flexicurity – ein Modell für den deutschen Arbeitsmarkt?

Das Kunstwort aus Flexibilität und Sicherheit steht für ein System, mit dessen Hilfe Dänemark in den 90ern die Arbeitslosigkeit bekämpft und die Wirtschaft angekurbelt hat. Das wollen viele Staaten gerne nachmachen und da sollte sich doch etwas abgucken lassen von einem Modell, das seine Funktionsfähigkeit schon bewiesen hat. Allerdings ist sowohl auf europäischer Ebene als auch in Deutschland klar, dass keine Eins-zu-eins-Übertragung möglich ist und so pickt sich jeder heraus, was zu Vorstellung und Interessenlage passt.

Aber Erfolg hatte das dänische Modell nur als Ganzes, als Kombination aus flexiblen Arbeitsverhältnissen, sozialer Sicherheit und einer aktiven Arbeitsmarktpolitik. Das erklärte Henning Gade, Vertreter des dänischen Arbeitgeberverbandes, auf der Veranstaltung der Berliner Wirtschaftsgespräche am 28. Juni.

Flexibilität

Arbeitsverhältnisse waren in Dänemark schon traditionell sehr flexibel: Zurzeit wechseln pro Jahr knapp 30% der Arbeitnehmer die Stelle. Der Kündigungsschutz ist wenig reglementiert und ein großer Teil der Fragen zu Lohn und Arbeitszeit wird innerhalb der Betriebe ausgehandelt, während die Tarifpartner auf Branchenebene kooperativ zusammenarbeiten.

Das ermöglicht Flexibilität in beide Richtungen: die Betriebe können sich schnell an veränderte Auftragslagen anpassen und Arbeitnehmer haben die Möglichkeit, Job und persönliche Verhältnisse immer wieder neu zu vereinbaren.

Allerdings haben in Dänemark 90% der Betriebe weniger als 20 Mitarbeiter. In einer großen Volkswirtschaft wie Deutschland ist schon der Ausgleich zwischen exportorientierten Großkonzernen und auf den Binnenmarkt angewiesenen Klein- und Mittelbetrieben sehr viel schwieriger.

Zusätzlich verstärkt wurde dieser Konflikt durch die deutsche Politik der letzten Jahre, die sich einseitig auf die Förderung der Konzerne konzentrierte – so Martin Kronauer, Professor an der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft. So hätte sich die gesellschaftliche Spaltung vertieft: einerseits gut ausgebildete, flexible und weltweit gesuchte Fachkräfte, auf der anderen Seite Ungelernte und falsch Qualifizierte ohne Perspektive.

Sicherheit

Demgegenüber gibt es in Dänemark einen breiten Konsens des gesellschaftlichen Ausgleichs. Die Sozialsysteme sind hauptsächlich über Steuern finanziert und verschaffen der öffentlichen Hand mehr Möglichkeiten der Steuerung. Am stärksten gefördert werden diejenigen, die das höchste Risiko tragen: Ungelernte und gering Qualifizierte. Bei Arbeitslosigkeit erhalten sie im Schnitt 83% ihres letzten Lohns, während die Quote bei Ingenieuren nur bei 45% liegt. Das deutsche beitragsfinanzierte System verstärkt stattdessen die Gegensätze: Wer wenig einzahlt, bekommt auch wenig heraus.

Außerdem wird das Arbeitslosengeld in Dänemark bis zu vier Jahre lang gezahlt. Das soziale Netz, gepaart mit der hohen Wahrscheinlichkeit einen Job zu finden, erzeugt ein starkes Gefühl der Sicherheit. Trotz des ständigen Arbeitsplatz-Wechsels haben die Dänen in Bezug auf Zufriedenheit mit ihrer Arbeit den höchsten Wert in Europa. Außerdem zeigen sie am wenigsten Angst vor der Globalisierung.

Aktive Arbeitsmarktpolitik

Dazu kommt, dass sie bei der Arbeitssuche und der notwendigen Qualifizierung stark unterstützt werden. Sowohl der Staat als auch die Tarifpartner sind sich einig in der großen Bedeutung von Aus- und Weiterbildung.

Die Förderung ist dementsprechend: Jeder hat einen Anspruch auf staatliche Unterstützung während der Ausbildung und öffentliche Bildungsträger unterhalten eine umfangreiche Infrastruktur an Bildungszentren mit Angeboten zur beruflichen Qualifizierung, auch mit speziellen Programmen für Ungelernte und Jugendliche. Ergänzend haben Arbeitgeber und Gewerkschaften Branchenfonds eingerichtet, mit deren Hilfe sie Ausgleichszahlungen für die Dauer von Bildungsmaßnahmen aufstocken.

Gleichzeitig ist der Druck groß: Wer sich einer Maßnahme oder einem angebotenen Job verweigert, muss mit Sanktionen rechnen. Allerdings mit einer höheren Zumutbarkeitsgrenze – darauf wies Wilhelm Adamy hin, Mitglied des DGB-Bundesvorstands. In Deutschland müssten Löhne bis zu 30% unter Tarifniveau akzeptiert werden, während in Dänemark untertarifliche Zahlungen unmöglich wären.
Einig war sich der Gewerkschaftler mit dem Thüringer Unternehmer und Arbeitgebervertreter Walter Botschatzki, dass in Deutschland dringend mehr für die Bildung getan werden müsse. Kein Industriestaat könne es sich auf Dauer leisten, große Teile der Bevölkerung wegen ungenügender Ausbildung für den Arbeitsmarkt zu verlieren.

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Walter Botschatzki, Dr. Wilhelm Adamy, Susanne Jensen, Prof. Martin Kronauer, Henning Gade am 28.6.2007 in der dänischen Botschaft.

Von Dänemark lernen?

Wie kann Deutschland also vom dänischen Erfolgsmodell profitieren? Wenig sinnvoll wäre sicher die Übernahme eines isolierten Elements, z.B. den geringeren Kündigungsschutz oder die längere Zahlung des Arbeitslosengeldes. Martin Kronauer forderte stattdessen eine grundsätzliche Umorientierung: Statt der einseitigen Fixierung auf Konkurrenz und kurzfristigen Gewinn müssten wir uns stärker um gesellschaftlichen Ausgleich bemühen. Allerdings ließe sich das wohl nur realisieren durch eine Stärkung des öffentlichen Sektors und den Übergang zu steuerfinanzierten Sozialsystemen.
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Informationen & Links

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Dr. Rudolf Steinke in der dänischen Botschaft am 28. Juni 2007.

Impulsvortrag von Henning Gade

Dänischer Gewerkschaftsbund zur Flexicurity

Dänischer Arbeitgeberverband zur Flexicurity

http://www.da.dk  => englische Version => DA Opinion => The Danish Labour Market and the Concept of Flexicurity

Die Europäische Kommission zum Thema