BWG Dossiers > Energiewirtschaft und Klimapolitik > Energieeffizienz als Standortfaktor
Wie viel Energie verbrauchen wir, um eine Einheit Bruttosozialprodukt zu erzeugen? Das ist die Gretchenfrage der Zukunft, und wer darauf die beste Antwort gibt, liegt im weltweiten Standortwettbewerb vorn. Das meint jedenfalls Umweltminister Sigmar Gabriel. Hohe Energieeffizienz sei ein entscheidender Standortfaktor und nicht weniger wichtig als etwa niedrige Steuersätze, sagte Gabriel auf dem Business Dinner der Berliner Wirtschaftsgespräche am 19.9.2007.
Die Steigerung der Energieeffizienz ist aus Sicht Gabriels der eine Baustein für eine deutsche und europäische Energiepolitik; den anderen sieht er in der Stärkung der Erneuerbaren Energien. Beides dient dem Klimaschutz - aber was den Umweltminister umtreibt, ist nicht allein – und vielleicht nicht einmal vorrangig - das durch CO2-Emissionen gebeutelte Klima.
Das Ziel: Wachstum ermöglichen!Denn Klimawandel hin oder her, die eigentliche Herausforderung ist in Gabriels Augen eine ökonomische: bei zunehmender Verknappung von Rohstoffen Wachstum zu ermöglichen.
Dass wirtschaftliches Wachstum auch in Zukunft erforderlich sei und gewünscht werde, steht für Gabriel fest: Daran werde keine Debatte um die Grenzen des Wachstums etwas ändern. Eine Diskussion über die schönen Seiten des Konsumverzichts sei allenfalls etwas für die Besserverdienenden in Deutschland – „ab der Gehaltsgruppe A13 aufwärts“. Mit den übrigen 4,4 Milliarden Menschen, die Mitte des Jahrhunderts in Industrieregionen leben werden, brauche man über Konsumverzicht nicht zu diskutieren; die seien konsumhungrig und würden sich ihre allzu menschlichen Wünsche nicht ausreden lassen.
4,4 Milliarden Menschen in Industrieregionen, das bedeutet industrielle Massenproduktion für diese Menschen und folglich eine weitere Ressourcenverknappung, machte Gabriel deutlich. Die Antwort darauf könne eben nur in einer Steigerung der Energieeffizienz und im Umstieg auf erneuerbare Energien liegen – nur so lasse sich zukünftig Wachstum erreichen.
Energieeffizienz: Produzenten und Verbraucher sind gefordertBei der Energieeffizienz sieht Gabriel sowohl die Energieunternehmen als auch die Verbraucher in der Pflicht. Was die Energiegewinnung in Deutschland angehe, müsse etwa die Kraft-Wärmekoppelung weiter ausgebaut werden. Den überalterten deutschen Kraftwerkpark will Gabriel erneuert sehen – mit Kraftwerken, die wesentlich höhere Nutzungsgrade aufweisen.
Da in Deutschland die Kohle weiterhin eine bedeutende Rolle im Energie-Mix spielen wird, nahm Gabriel insbesondere die Kohlekraftwerke in den Blick: Würden die alten Kohlkraftwerke durch neue ersetzt, ließen sich 42 Millionen Tonnen CO2 sparen.
Gabriel forderte zudem, die Abspaltung und Speicherung von CO2 bei der Verstromung von Kohle voranzutreiben, um den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen zu verringern. Die Bundesregierung hat die Förderung entsprechender Technologien bereits beschlossen. Hier wurde deutlich: Für Gabriel ist Umweltpolitik vor allem Technologie- und Innovationspolitik.
Transparenz über Energiekosten fördert das EnergiesparenWenn die Verbraucher einen Beitrag zu mehr Energieeffizienz leisten sollen, ist die Transparenz über die Energiekosten ein erster wichtiger Schritt. Das gilt insbesondere auch für Unternehmen, wie der Gastgeber des Business Dinners, Clemens Blum, berichtete, der Vorsitzender der Geschäftsleitung der Schneider Electrics GmbH ist.
Die Bereitschaft, sich mit den Energiekosten zu befassen, sei in vielen Unternehmen allerdings gering, meinte Blum. Erst wenn die Energiekosten mehr als 5 Prozent der Gesamtkosten im Unternehmen ausmachen oder jenseits von 500.000 Euro lägen, wachse die Bereitschaft, Managementsysteme einzuführen, die Transparenz über die Energiekosten schaffen.
Der Effekt von Transparenz ist verblüffend: Allein das Wissen darum, dass Transparenz geschaffen werden soll, animiert die Mitarbeiter offenbar schon zum Energiesparen, so Blum. Kaum ist bekannt, dass Blums Leute sich im Auftrag der Geschäftsführung des Energiethemas annehmen, knipsen die Mitarbeiter eilfertig das Licht auf dem Klo aus und lassen sich auch sonst nicht lumpen: Bereits bei einer zweiten Messung lasse sich eine signifikante Senkung des Energieverbrauchs feststellen – ohne dass auch nur eine Energiesparmaßnahme eingeführt worden ist.
Blum betonte, dass letztlich die verursachergerechte Analyse der Energiekosten geleistet werden müsse, wenn man den Energieverbrauch im Unternehmen erfolgreich senken und steuern wolle.
Erneuerbare Energien: Speicherung und Transport noch schwierigDass der Umweltminister eine Lanze für die Erneuerbaren Energien brach, konnte nicht überraschen. Mit den sattsam bekannten Argumenten für die Energiegewinnung aus Wind, Wasser, Sonne oder Biomasse hielt sich Gabriel nicht auf; er nannte vielmehr die Herausforderungen für die Ingenieure: Lösungen für Speicherung und Transport von Energie finden.
Gabriel: Keine Renaissance der KernenergieErneuerbare Energien stehen hoch im Kurs; bei aller Freude über Sonne, Wind und Wasser weiß allerdings inzwischen allerdings auch jeder: Der Umstieg auf Erneuerbare Energien ist von heute auf morgen nicht zu machen. Die Bundesregierung will bis 2020 einen Anteil der Erneuerbaren Energien von 25 bis 30 Prozent an der Stromgewinnung erreichen – damit verbleiben 70 bis 75 Prozent, die aus anderen Quellen kommen müssen. Ein gleichzeitiger Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohle ist nicht machbar, wie Gabriel hervorhob.
Gabriel erteilte einer Renaissance der Kernenergie eine klare Absage – auch das war wenig überraschend, und es wäre wohl gar nicht nötig gewesen, wenn sich der Minister nicht durch ein Koreferat aus dem Publikum dazu herausgefordert gesehen hätte.
Behauptungen wie die, dass „überall in Europa“ außer in Deutschland wieder Kernkraftwerke gebaut würden, dass das Problem der Endlagerung von Atommüll gelöst sei, und schließlich, dass der Minister der Öffentlichkeit eine wichtige Wahrheit vorenthalte, nämlich die, dass Klimaschutz ohne Kernenergie nicht machbar sei – solche Behauptungen konnte Gabriel nicht unwidersprochen lassen.
Und so zeigte Gabriel, dass er im rhetorischen Gefecht auch mit scharfer Klinge zu fechten versteht und nahm sich die Rede seines Angreifers Punkt für Punkt vor:
Das einzige Kraftwerk, das tatsächlich im Bau – und nicht nur geplant – sei, entstehe in Finnland. Es werden also nicht „überall in Europa“ neue Kernkraftwerke gebaut.
Bei der Lagerung des Atommülls verwies Gabriel zunächst darauf, dass es in Ländern mit vielen Kraftwerken wie Frankreich oder Großbritannien gerade keine Endlager gebe. Im Übrigen erinnere er sich noch gut daran, wie ihm die Sicherheit des Endlagers im Salzbergwerk Asse versichert worden sei – heute dringt dort stetig Wasser ein. Von einer Lösung des Problems der Endlagerung könne also keine Rede sein.
Der These „ohne Kernenergie kein Klimaschutz“ hielt Gabriel entgegen, dass selbst die Internationale Energieagentur sage, es müssten 2.000 Kernkraftwerke neu gebaut werden, wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollten. Da heute lediglich 430 Kernkraftwerke in Betrieb sind, erscheint das in der Tat als unrealistisch. Zudem verwies Gabriel auf die letztlich unkontrollierbaren Proliferationsprobleme, die mit dem Ausbau der Kernkraft Hand in Hand gehen.
Kein Zweifel: Gabriel ist jederzeit bereit, Atomlobbyisten die Stirn zu bieten - mit harten Argumenten in der Sache, wortgewaltig und gegebenenfalls auch polemisch.
Rohstoffwandel kein reines EnergiethemaWichtig war Gabriel schließlich der Hinweis, dass Rohstoffwandel auch jenseits der Energiedebatte an Bedeutung gewinnt. Denn nicht nur die Energieträger wie Erdöl und Erdgas, sondern auch Metalle wie etwa Kupfer werden knapp. Bei den Metallen gelte es gleichfalls, nach Alternativen zu suchen.
Als Beispiel führte Gabriel ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt an, in dem die Forscher an organischen Werkstoffen für den Flugzeugbau arbeiten – der Minister war sich allerdings nicht ganz sicher, ob er persönlich ein Flugzeug auf organischer Basis wirklich besteigen würde. Wie dem auch sei – die Botschaft war klar: Der Rohstoffwandel ist nicht auf die Energieträger beschränkt.