Mikrokredite: Schnelle Hilfe für Existenzgründer und kleine Unternehmen?Für Einzelunternehmer und kleine Unternehmen sind kleine Finanzierungslücken oft existenzgefährdend. Gerade in der Nachgründungsphase haben Kleinunternehmen einen Finanzierungsbedarf, der durch klassische Bankkredite nicht bedient wird. Und nicht jeder Unternehmer kann stattdessen auf Familie und Freunde als Kreditgeber zurückgreifen.
Von Entwicklungsländern lernen?
In den Entwicklungsländern sind Mikrokredite eine echte Erfolgsstory: Obwohl sie ihren Kreditgebern keine Sicherheiten bieten können, erhalten dort Millionen Kleinstunternehmen Kredite zwischen 50 und 500 US-Dollar. Sie können damit kurzfristig Finanzierungslücken überbrücken und so weiterhin sich selbst und ihre Familien ernähren.
Was liegt also näher, als das erfolgreiche Konzept der Mikrokredite auch in Deutschland umzusetzen? Der Frage, unter welchen Bedingungen das erfolgreich möglich ist, diskutierten Unternehmer, Wissenschaftler und Bankenvertreter am 5. Juni 2007 auf der Veranstaltung der Berliner Wirtschaftsgespräche zur Bedeutung von Mikrokrediten für Existenzgründer und kleinen Unternehmen.
Keine Rentabilität, hohe Screeningkosten In seinem Impulsvortrag trat Dr. Alexander Kritikos (Viadrina, Gesellschaft für Arbeitsmarktaktivierung) allerdings erst einmal auf die Euphoriebremse: Während Mikrokredite in einigen Entwicklungsländern und Transformationsländern Osteuropas bei Zinssätzen von 20 Prozent hochrentabel sind, kann in Deutschland nicht kostendeckend gearbeitet werden.
Zum einen sind Kreditzinsen jenseits von 10 Prozent hierzulande kaum durchsetzbar; zum anderen sind die Screeningkosten sehr hoch. Denn die Banken können die gängigen Instrumente zur Bewertung des Kreditrisikos nicht nutzen – schon weil der Kreditnehmer keine herkömmlichen Sicherheiten bietet und bei Anwendung der üblichen Kriterien sofort durchs Raster fällt.
Kreditgeber müssten sich intensiv mit der Person des Kreditnehmers befassen – also nicht mit finanziellen Kennzahlen, sondern mit dem psychologischen Profil des Kreditnehmers. Genau das machen die geschulten Kreditgeber in den Entwicklungsländern in ausführlichen Beratungs- und Evaluierungsgesprächen. Hierzulande ist ein solches Verfahren schlicht zu teuer.
Dr. Klaus Mark (KfW) meinte auf der BWG-Veranstaltung, die Screeningkosten ließen sich künftig möglicher Weise durch automatisierte Verfahren senken, denen beispielsweise signifikante Korrelationen zwischen psychischen Profilen und Kreditausfällen bzw. Kreditrückzahlungen zugrunde liegen könnten. Eine Alternative bestünde zudem in der Analyse von Lebenslaufdaten, wie sie bei Konsumentenkrediten teilweise bereits üblich ist.
Berliner ErfolgsbeispieleMit Mikrokrediten ist in Deutschland zwar kein Geld zu verdienen, ihre Vergabe mag sich volkswirtschaftlich dennoch rechnen.
Oktay Karatas, Berliner Kleinunternehmer, produziert in seinem Unternehmen Kazik heute vor allem Kleidung – gestartet ist das Unternehmen mit Stofftierelefanten. Obwohl sein Unternehmen nicht mit den üblichen Sicherheiten aufwarten konnte, hat Karatas bereits mehrfach erfolgreich Mikrokredite beantragt. Karatas meinte allerdings, dass die Kundenberater in den Banken sein Geschäft nicht immer verstanden hätten.
Thomas Stracke (Blütenverlag) betonte, wie wichtig für Kleinunternehmer der schnelle und einfache Zugang zu Kapital ist. Er konnte seine Berliner Tüte - eine mit Berliner Literatur bedruckte Tragetasche aus Papier - bislang nicht ohne Fremdkapital produzieren.
Bei der Investitionsbank Berlin (IBB) lehnte man seinen Kreditantrag allerdings ab. Dort konnte man sich offenbar nicht vorstellen, dass mit der Berliner Tüte Geld zu verdienen sei. Im zweiten Anlauf hat Stracke über das Deutsches Mikrofinanz Institut (DMI) einen Mikrofinanzierer gefunden, der ihm das nötige Kapital für seine Tütenproduktion zur Verfügung stellte.
Stracke forderte einfachere Verfahren für die Bewilligung von Mikrokrediten: "Eine dreijährige Liquiditätsplanung ist für einen Kleinunternehmer allenfalls mit einer Clownsnase im Gesicht zu vertreten."
IBB offen für VerfahrensvereinfachungDer Generalbevollmächtigte der IBB, Dr. Matthias von Bismarck-Osten, zeigte sich durchaus aufgeschlossen: Er könne sich einen Verzicht auf die dreijährige Liquiditätsplanung bei Mikrokrediten durchaus vorstellen. Ein vereinfachtes Verfahren für Mikrokreditanträge sei wünschenswert; auch die Überlegung, stärker auf psychologische Beurteilungskriterien zu setzen, fand seine Zustimmung.
Der IBB-Mann sieht seine Bank im Bereich der Mikrofinanzierung gut aufgestellt. Die Bank könne gerade die jungen Technologieunternehmen bereits erfolgreich bedienen; zumal hier die Zusammenarbeit mit der Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin (TSB) bestens funktioniere. Für Kreativunternehmen und kleine Handwerker brauche die IBB allerdings vergleichbare Partner, die diese Kundengruppen für Mikrokredite an die IBB heranführe.
Kreditabsicherung über Fonds?Dem Wachstumspotenzial stehen allerdings auch Kreditrisiken gegenüber. Bismarck-Osten schlug daher vor, mit dem Land einen Fonds in Höhe von 30 Mio. Euro einzurichten.
Ohne öffentliche Mittel geht es nichtKritikos stellte in seinem Schlusswort heraus, dass es eine politische Entscheidung sei, inwieweit die öffentliche Hand Mikrofinanzierung fördern wolle. Klar sei, dass es ohne öffentliche Mittel nicht gehe.
Der Wirtschaftswissenschaftler empfahl, die Vergabe von Mikrokrediten nicht über staatliche Banken laufen zu lassen. Besser sei es, auf private Mikrofinanzierer zu setzen, deren Mitarbeiter mit den lokalen Märkten vertraut sind – ein entscheidender Faktor für erfolgreiche Mikrofinanzierung.
Nicht minder wichtig: die Ausbildung der Kreditberater. Nur psychologisch geschulte Berater, die mit den Instrumenten der Mikrofinanzierung verantwortlich umzugehen wissen, können hohe Rückzahlungsraten erzielen – in den Entwicklungsländern liegen die Quoten nahe an 100 Prozent. Investitionen der öffentlichen Hand in die Ausbildung von Mikrokreditberatern sind gut angelegt, gab Kritikos den Vertretern aus der Politik mit auf den Weg.