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Zukunftsweisende Modellprojekte: Rütli, Gemeinschafts - oder Stadtteilschuleroduktives Chaos oder blinder Reformeifer?

Die Fülle an Reformen und Veränderungen wurden an diesem Abend überwiegend im Licht der schlechten Benotung Deutschlands in den zahlreichen internationalen Bildungsvergleichsstudien diskutiert.

Bildungsstaatssekretär Eckart Schlemm stellte als Alternative zu den bisherigen Strukturreformen das Projekt ‚Campus Rütli’ vor. Der Bildungscampus im Herzen Neuköllns ermöglicht eine ineinander greifende Bildung-, Betreuungs- und Erziehungsarbeit der Kinder vom ersten Lebensjahr bis zum Abitur. Ohne Zweifel scheint diese Vernetzung unterschiedlicher Bildungs-, Kinder- und Jugendträger in einem (insbesondere sozial schwierigen) Einzugsgebiet nicht nur sinnvoll, sondern auch von allen Beteiligten als wünschenswert beurteilt zu werden. Doch das ‚Modellprojekt Rütli’ ist eben ein Modellprojekt und scheint als Vorreiter für ein flächendeckendes Konzept in Berlin nicht finanzierbar.

Die Kritik, insbesondere der Philologenverbandsvorsitzenden Kathrin Wiencek galt daher eher der großzügigen Finanzierung, die anderen Schulen nicht zur Verfügung steht, aber ebenso dringend gebraucht würde. Die Bildungsausgaben des Landes seien in Anbetracht der Mangelerscheinungen an Berliner Schulen immer noch zu gering.

Der Berliner Landeselternausschuss, vertreten durch den Vorsitzenden Andre Schindler, schloss sich dieser Kritik an und attestierte Berlin zudem die undurchsichtigste Schulstruktur bundesweit. Darüber hinaus sei das Echo der Eltern auf die Berliner Reformkonzepte stark abhängig von den individuellen Erfahrungen mit den Schulformen selbst. Die Berliner Gemeinschaftsschule werde gemeinhin mit Skepsis aufgenommen, da die 6jährige Grundschule (ein längeres gemeinsames Lernen als in den meisten anderen Bundesländern) bereits negative Erfahrungen im Umgang mit der Individualität der Schüler produziert habe. Tendenziell gäbe es aber in den ehemaligen ostdeutschen Stadtbezirken eine breitere Akzeptanz diesem Schulmodell gegenüber. Nicht von der Hand zu weisen, ist dabei sicher, dass hier das historische Erlebnis (Einheitsschule DDR) eine wichtige Rolle spielt.

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses bestand darauf, eine 3gegliederte Schulstruktur so lange beizubehalten, bis gewährleistet sei, dass die anderen Schulformen eine individuelle Förderung der Kinder ermöglichen und auch leistungsstarke Kinder nicht durchs Förderraster fallen. Auch der Philologenverband vertrat in diesem Punkt eine eindeutige Position: Die Gymnasien müssen erhalten bleiben. Bisher seien die Berliner Reformen allzu oft Schnellschüsse. Deshalb plädierte der Philologenverband Berlin für eine Weiterentwicklung des bestehenden dreigliedrigen Systems, d.h. den Abbau des Lehrermangels und eine besser Ausstattung der Schulen durch die Bereitstellung eines größeren Haushaltsetats.

Staatsekretär Schlemm ließ hingegen keinen Zweifel an der Zukunftsvision des Senats, den Berliner Schülern prinzipiell ein längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen. Generell sei die derzeitige differenzierte Schulstruktur in Berlin mit ihrer Bandbreite an Wahlmöglichkeiten jedoch eine sehr gute Basis den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden.

Impulse aus Hamburg

Krista Saga, stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, begleitete in den letzten Monaten den Wahlkampf und die politischen Schulentwicklungsdebatten in Hamburg. Chancengleichheit und Effizienz im Bildungssystem seien die zentralen Hauptaspekte der Hamburger GAL im Wahlkampf gewesen und nun mit eingeflossen in die neue Regierungsgestaltung. Für die Hamburger GAL, aber auch für die Bundestagsfraktion stünden eine stärkere individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler und eine spätere Selektion im Vordergrund, um diese Hauptaspekte einzulösen. Auf die Frage des Moderators hin, ob Bildung in Deutschland zu einem Statussymbol werde, appellierte Frau Saga daran, dass Bildung kein Statussymbol an sich sei, wohl aber über den sozialen Status des Einzelnen entscheide. Insbesondere die letzten Bildungsstudien geben diesem Argument recht, denn in kaum einem anderen europäischen Land sei die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen so groß ist wie in Deutschland.

Darüber hinaus hätte Hamburg erkannt, dass im internationalen Vergleich, das dreigliedrige Schulsystem in seiner Effizienz weit hinter anderen Ländern zurückbliebe. Frau Saga plädierte für eine Veränderung des Schulsystems hin zu einem längeren gemeinsamen Lernen und – wie in Hamburg geschehen – für eine größere Transparenz der Schulstrukturen durch Reduzierung, angelehnt an die skandinavischen Modelle. Ein auf die Schülerbedürfnisse zugeschnittener Unterricht, mache eine frühe Selektion nicht notwendig, gebe aber dem Einzelnen eine größere Chancengerechtigkeit.

Gestern und heute – Zur Rückkehr der Schulreformer

Die Streitgespräche über Schulreformen und -strukturen in Deutschland, reichen bis in die Debatten Mitte der sechziger Jahre zurück. Damals – 1964 – hatte Georg Picht eine Krise des Bildungssystems durch das Schlagwort „Bildungskatastrophe“ ausgerufen.

Picht verglich 1964 die Bundesrepublik, die eine Abiturientenquote von gerade 6 Prozent aufwies, mit den schul- und bildungspolitischen Entwicklungen vor allem des westlichen Auslands und bescheinigte der damaligen Bundesrepublik eine Unfähigkeit, die Bildungsanforderungen der Zukunft und die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Staaten zu meistern. In seiner Analyse stellte Picht die Voraussetzungen für mangelnde Bildungschancen in den Mittelpunkt: Nicht mangelnde Intelligenz führe in vielen Fällen zu Schulversagen, sondern schichtspezifische, regionale, kulturell und geschlechtsspezifische Bedingungen bewirkten eine Auslese, die in der Demokratie nicht zu rechtfertigen sei und insgesamt die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit in Frage stelle.

Der erste große Reformzyklus im Bereich des Bildungswesens begann: Unübersehbar mit nahezu den gleichen Argumentationen und Einsichten, Wünschen und Hoffnungen die Angesichts der 2. deutschen Bildungskatastrophe im Jahre 2000. Sprachrohr war nicht mehr Picht sondern PISA und es galt fortan auch nicht mehr die ‚Bildungskatastrophe’ sondern der ‚PISA-Schock’.

Der angesichts des Schocks ausgelöste Reformeifer dagegen blieb gleich. Denn die kritisierten Mangelerscheinungen im deutschen Bildungswesen waren überraschend recht konstant geblieben: Ein Ergebnis der ersten PISA-Studie im Jahre 2000 legte (ähnlich der Sechziger) den Zusammenhang zwischen der Mehrgliedrigkeit eines Schulsystems und den Leistungserfolgen der SchülerInnen offen. PISA zeigte unter anderem, dass Schüler der Länder mit einem (mehr oder weniger) eingliedrigen Schulsystem überdurchschnittlich gut abschnitten. Die Undurchlässigkeit im dreigliedrigen deutschen Schulsystem insbesondere die Benachteiligung von Kindern aus ‚bildungsfernen’ Schichten wurde als Defizit der Schullandschaft immer wieder zitiert. Wollte man nicht in den Sechzigern als Folge der ‚Bildungskatastrophe’ die Durchlässigkeit verbessern? Führte man nicht insbesondere deshalb die deutschen Gesamtschulen ein und legte für Arbeiterkinder eine Aktion Bildungsförderung auf?

Im Jahre 2000 ließen sich also wenig Erfolge dieser Reformen, aber eine Rückkehr des Themas ‚Bildung’ auf die politische Agenda bilanzieren.

Acht Jahre nach PISA – Auf der Suche nach der Schule der Zukunft

„Problemschule wird Avantgarde“, so titelte die TAZ am 31.01.2008 und bezog sich damit auf das Modelprojekt Rütlischule oder auch ‚Campus Rütli’ genannt.
Projekt Rütli steht heute für eine künstliche Bildungslandschaft (oder Bildungscampus) in der Kitas, Jugendclubs und Freizeiteinrichtungen entstehen. Diese Bildungslandschaft erlaubt eine Betreuung vom 1. Lebensjahr bis zum Abitur. Kern ist die im Schuljahr 2008/2009 – aus der Hauptschule – entstehende Gemeinschaftsschule, wobei durch die enge Kooperation mit dem Albert-Schweitzer-Gymnasium eine Begleitung bis ins Abitur möglich ist.
Rütli wurde – insbesondere in Berlin – zum Inbegriff der Frage nach der Zukunft von Hauptschulen im speziellen und der des dreigliedrigen Schulsystems im Allgemeinen. Quer durch die deutsche Republik entstehen weit reichende Alternativformen zur traditionellen Dreigliedrigkeit.

In Hamburg entsteht die Stadtteilschule als Schulmodell neben dem Gymnasium. In Schleswig-Holstein heist sie Regionalschule und vereint ebenso die Real- und Hauptschulen unter einem Dach. Aus Rheinland-Pfalz war am 30.10.2007 zu lesen, dass zum Schuljahr 2009/2010 eine neue ‚Zweigliedrigkeit mit Plus’ konsensfähig ist, die Real- und Hauptschule miteinander vereint

Oder setzt sich vielleicht doch das Konzept des längeren gemeinsamen Lernens in der Gemeinschaftsschule durch, das die Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse nicht trennt? Modelprojekte dazu gibt es auch in Schleswig-Holstein, in Berlin und Sachsen (bis zur 8. Klasse).

Natürlich käme auch der ‚Campus-Rütli’ infrage: Keine neue Schulform, sondern eine neue Form des Bildungscampus.
Eines wird jetzt offensichtlich: Bildung ist Ländersache und damit wird die Anzahl der Modellversuche die Zahl der Bundesländer sicher noch überschreiten.

Licht am Ende des Tunnels?

Auch am Ende der Diskussion der Veranstaltung ‚Schule der Zukunft’ gab es viele Argumente für und viele Argumente gegen die Veränderung des bestehenden dreigliedrigen Schulsystems. Generell lässt sich sicher festhalten, dass zumindest die Trennung zwischen Haupt- und Realschule in den meisten Bundesländern keine Perspektive zu haben scheint. Die Ausgestaltung eines zweigliedrigen Schulsystems und der Modellversuche bleibt jedoch so Vielgestaltig innerhalb der Bundesländer wie es Befindlichkeiten und Wünsche der betroffenen Akteure gibt. Keines der an diesem Abend diskutierten Modelle ließe sich tatsächlich flächendeckend als Schulform in Deutschland etablieren. Auch wenn es sicher quer durch die Republik Befürworter einer einheitlichen und damit auch vergleichbaren Schulstruktur in den Bundesländern gibt.

Demographischer Wandel als Handlungsmotor

Abschließend sei der Blick auf einen Aspekt gerichtet, der an diesem Abend nicht zum tragen kam, aber insbesondere für die bundesdeutschen Flächenländer zunehmend wichtiger wird.

So hat Schleswig-Holstein mit seinen Schulstrukturreformen nicht ausschließlich auf PISA und die Nachfolger reagiert. Das Flächenland (und als einziges) sieht sich mit einem ganz anderen Problem konfrontiert: dem demographischen Wandel!

Ein zentrales Ziel des im Februar 2007 abgeschlossenen neuen Schulgesetzgebungsverfahrens lag darin, flächendeckend wohnortnahe Schulen mit einem hohen Standart zu erhalten. Als Konsequenz der sinkenden Schülerzahlen wurde die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu Regionalschulenbeschlossen. Der Rückgang der Schülerzahlen wird in den kommenden Jahren zu weiteren Veränderungen der Bildungslandschaft führen. Ohne Zweifel wird es sich kaum ein Bundesland angesichts knapper Haushaltskassen leisten können, jede Schulform wohnortnah für vielleicht nur einen Zug pro Jahrgang anzubieten. Hier sind neue Strukturkonzepte gefragt, um die Frage der Chancengerechtigkeit nicht bereits bei der Mobilität der Eltern beginnen zu lassen.

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