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BWG Dossiers > Kultur, Tourismus, Kommerz > Talentschmiede Berlin

„Berlin muss die Stadt der Talente sein“, fordert der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in einem Artikel des Tagesspiegels zur Zukunft Berlins vom 12. November 2007. Doch um Talente anzuziehen und zu halten wird ein entsprechendes Wirtschafts- und Lebensklima benötigt. Nach dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida gibt es drei wesentliche Voraussetzungen für eine Gesellschaft, in der sich Wirtschaft und Kreativität positiv entwickeln können: sie muss über Talente, Technologie und Toleranz (TTT) verfügen und diese Faktoren positiv weiterentwickeln. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist in einer Studie der Frage nachgegangen, wie es sich mit diesen „TTT“ in den einzelnen Bundesländern verhält. Berlin hält die Spitzenposition, was Talente und Toleranz angeht. Nur bei der Technologie reicht es lediglich für Rang vier. Wie die in der Studie dargestellte Situation in der Realität wahrgenommen wird, diskutierte Alfred Eichhorn vom Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg mit Prof. Dr.-Ing. Stefan Jähnichen, Leiter Fachgebiet Softwaretechnik an der Technischen Universität Berlin, Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung, Steffen Kröhnert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und Prof. Dr. Claudia Lux, Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Talentschmiede Berlin_v.l. LuxJähnichen_Kröhnert_Junge-Reyer_Eichhorn

Die Aussagen der TTT-Studie – ist TTT  messbar?

Der Ansatz nach Florida sei es, TTT als Standortfaktor der Zukunft zu sehen – nicht Kapital allein sei für Wirtschaftswachstum verantwortlich, sondern die Wirtschaft müsse auch mit kreativem Potenzial aufwarten, erläutert Steffen Kröhnert. Kreativität wird als etwas betrachtet, was jeder im Beruf umsetzen kann, wenn er die Freiheit dazu hat. Kreative werden von Wohnregionen mit der größten kulturellen Offenheit angezogen, und zu diesen Wohnregionen zählt Berlin.
Allerdings lassen sich die Ergebnisse, zu denen Florida für die USA gekommen ist, nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen. Zum Beispiel sind für die neuen Bundesländer immer noch externe Investition ausschlaggebend – und Berlin steht zwar gut da, was TTT angeht, liegt aber wirtschaftlich weit hinten. Das ist ein Knackpunkt. Überhaupt können TTT nicht 1:1 gemessen werden. Es müssen passende Indikatoren ausgewählt werden, die vergleichbar sind, wie z.B. der Ausländeranteil einer Wohnregion und der Zustimmungsgrad zu ausländerfeindlichen Parolen. Berlin schneidet hier gut ab, wohingegen in den ostdeutschen Flächenländern die negativen Werte aus heutiger Sicht nicht korrigierbar sind.

Stefan Jähnichen hinterfragt skeptisch die Zusammensetzung der maßgebenden Personengruppe. Hier ist zu betonen, dass die als Maßstab genommene kreative Klasse nicht nur Designer, Künstler etc. umfasst, sondern auch z.B. die kreativen Ingenieure! Kreativität wird nach Florida als die Umsetzung von Wissen in ein Produkt betrachtet – und tatsächlich ist in der berücksichtigten Personengruppe ein Großteil der akademischen Berufe enthalten, so auch Mathematiker, Physiker und Ingenieure. Berlin habe die Potenziale dieser Personengruppe, die Frage sei nur, warum es nicht gelinge, sie in Wirtschaftswachstum umzusetzen, so Kröhnert. Trotz des Zuzugs qualifizierter junger Menschen, die Wissen und Talente mitbringen würden, wodurch Neues Fuß fassen könne, wie Ingeborg Junge-Reyer betont, habe es zwischen 2005 und 2007 eine Phase wirtschaftlichen Nullwachstums und einen Rückgang der Arbeitsplätze um 2% gegeben (Kröhnert).

Wohlfühlfaktoren für Talente

Talente wollen ja nicht nur toleriert, sondern stärker beachtet und gewürdigt werden. Claudia Lux ist der Ansicht, dass Berlin leider auch ein wenig zu den Bundesländern zähle, die einfach nicht bereit seien, für kreative Leistungen zu zahlen und sie damit zu würdigen. Dagegen spricht, dass es 24.000 Unternehmen in der Kreativwirtschaft gibt. Viele junge Leute kommen, auch wenn sie zunächst wenig verdienen. Die Stadt ziehe an, auch durch ihre tolerante Community, sie inspiriere (Junge-Reyer). Es gibt in Berlin viel, was schon gut ist, aber auch noch Entwicklungspotenzial. Einige Stichworte.

Zwischennutzung von Stadträumen ist ein positives Phänomen. Die vielen freien Flächen, z.B. am Wasser und auf ehemaligem Bahnland, seien ein Reichtum der Stadt (Junge-Reyer). Diese Flächen werden stark nachgefragt, ebenso wie unsanierte Räume und Gebäude. Hier gestaltet sich die Zwischennutzung durchaus auch als Wanderung von Raum zu Raum. Eine begrenzte Förderung der Zwischennutzung ist möglich – oft wird allerdings einfach dadurch gefördert, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang nur, dass ältere Zwischennutzungen inzwischen zum Teil abgegrenzte Räume geschaffen haben.
Auch beim Flughafen Tempelhof könne man z.B. über eine Zwischennutzung der Baseballfelder durch die Neuköllner Jugend nachdenken, während der Landschaftspark entwickelt würde (Junge-Reyer).

Kulturelle Bildung benötigen die zukünftigen Konsumenten der Produkte der kreativen Wirtschaft. Diese müsse verstärkt gefördert werden (Lux). In diesem Bereich wird allerdings auch schon einiges getan, auf Bezirksebene ebenso wie auf Kiezebene – hier besonders durch das Quartiersmanagement, oft auch ohne öffentliche Förderung.

Die Zentral- und Landebibliothek als „Tankstelle des Wissens“ ist mit der Ausschreibung des Architekten-Wettbewerbs fürs Humboldt-Forum auf einem guten Weg. Sie solle in Zukunft den Kreativen, die oftmals nicht mehr allein in ihrem Stübchen arbeiten wollten, sondern unter anderen Menschen, einen Arbeitsraum mit einem großen Angebot an Literatur, Film, Musik etc. bieten (Lux). In diesem Zusammenhang sei auch noch die Entwicklung des Weltkatalogs der Bibliothekare erwähnt, mit dessen Zusammenstellung begonnen wurde. Es soll auf alle Inhalte einen direkten Zugang übers Netz geben und auch Recherchemöglichkeiten nach Geruch, Geschmack, Masse… So sollen z.B. archivierte Gerüche Erinnerungen an bestimmte Orte wachrufen.

Talente finden, fördern und festhalten – wie geht das?

Es gelte, neue Talente zu entdecken, denn es fehle ein Nachwuchs an Talenten, die zukunftsfähige Produkte entwickeln - z.B. gebe es zuwenig Ingenieure (Jähnichen). Mit dem Finden und Fördern sollte man früh anfangen. So plant das Fraunhofer-Institut eine Talent School, mit der man an die Schulen gehen will, um Talente zu finden, zu fördern und später auch an die Universitäten zu begleiten. Die Talente suchenden Branchen sollten sich besser verkaufen und mehr in Erscheinung treten, an die Orte gehen, wo sie interessierte Kinder und Jugendliche vorfänden, wie z.B. die Bibliotheken (Lux). Die Bibliotheken mit ihrem Angebot an nicht formaler Bildung wirken auch als Auffangmöglichkeit für diejenigen, die die Lust an formaler Schulbildung verloren haben. Dies kommt schon vor im deutschen Bildungssystem, welches im internationalen Vergleich doch recht starr ist. Andererseits gibt es Schulen, die Talente fördern, wenn ihnen Schwerpunkte wie Theater oder Kunst ermöglicht werden. Dadurch entstehe eine gute Atmosphäre an der Schule, das Selbstbewusstsein der Schüler würde geweckt und der Blick für neue Wege geöffnet (Junge-Reyer). Vielleicht können auch neue Formen von Schulfächern Dinge bewegen – so engagiert sich die Gesellschaft für Informatik für die Einführung des Schulfaches MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).

Nach der Schule kommt – vielleicht – das Studium. In Berlin gibt es schon exzellente Universitäten mit einer wachsenden Zahl von Studienplätzen, eine Tatsache, die vielleicht noch etwas mehr Publizität vertragen könnte, aber auch eine Vielzahl von Bildungsmöglichkeiten als Attraktivitätsfaktor und das Potenzial der Bindung von Innovationskraft darstellt. Um das noch mehr nach Außen zu tragen, sollten auch die Chancen und die Ausstrahlungskraft der Wissenschaftsjubiläen der nächsten Jahre genutzt werden.

Doch wie kann die Abwanderung eines schließlich geschaffenen Talentpools verhindert werden? So beklagen sich Jungdoktoranden aus Deutschland, die in die USA gegangen sind darüber, dass sie in ihrem Heimatland den Zugang zum Arbeitsmarkt verlieren. In den USA bieten sich Ihnen attraktive Arbeitsplätze mit Freiraum – in Deutschland dagegen Jobs mit Befristung auf maximal zwei Jahre und hierarchische Strukturen. Die Folge ist, dass sie sich nach Abschluss der Promotion auf anderen Märkten umschauen und das in Deutschland erworbene Wissen dort anwenden. So kann es auch passieren, dass so etwas Bedeutendes wie das Format MP3 am Fraunhofer-Institut entwickelt aber dann in den USA umgesetzt wurde. Deutschland müsse den Talenten schicke Projekte bieten, wo es knistert (Jähnichen), und Perspektiven für die Zeit nach dem Projekt. Attraktive Arbeitsplätze in der Industrie mit Freiraum und dem Mut, Kreativität umzusetzen, sind gefragt. Auch eine bessere internationale Vernetzung der wissenschaftlichen Institute mit Standorten im Ausland könne deren Attraktivität als Arbeitgeber steigern (Junge-Reyer).

Es ist ja nicht per se schlecht, wenn Leute weggehen. Berlin soll ja Talentschmiede sein für sich selbst, für Deutschland und auch darüber hinaus. Leute, die weggehen, können als Botschafter Berlins und Deutschlands wirken – und ja auch wiederkommen!

Geld spielt eine Rolle

Man kommt, hat eine schöne Zeit und haut wieder ab, wenn’s ernst wird. Das ist leider ein wahres Wort. Denn Berlin schneidet zwar in Sachen Kreativität gut ab, nur steht dem eine eher schleppende wirtschaftliche Entwicklung gegenüber. Dies ist auch dadurch bedingt, dass in Berlin nicht so viel Venture Capital einsatzbereit ist. Dieser Faktor wurde in der TTT-Studie nicht berücksichtigt, spielt aber in einer Studie mit Rückgriff auf Florida eine Rolle, die z. Zt. an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft erstellt wird. Der Mangel an Venture Capital stellt – z.B. im Gegensatz zu München – tatsächlich ein Problem dar. Es sei auch in Berlin relativ einfach, Venture Capital für ein Start Up-Unternehmen zu bekommen, aber ungleich schwerer, ebensolches später für die Finanzierung eines „Upscaling“ (Jähnichen). 

Aber auch hier solle man nicht die positiven Tendenzen übersehen. Nach der Wende habe die wirtschaftliche Entwicklung zwar irgendwann an Kraft verloren, aber jetzt gehe es z.B. in den Bereichen Tourismus und Gesundheitswirtschaft aufwärts. Man solle besser das Augenmerk auf das richten, was gut läuft, statt die Entwicklungspotenziale schlecht zu reden (Junge-Reyer). Trotzdem könne man sich manchmal fragen, ob Berlin den Zug verpasst hat, für sich selbst Talentschmiede zu sein und die Wirtschaft nach Osten weiter gezogen sei. Auch habe sich Berlin nie zum Tor nach Osten entwickelt, als das es immer propagiert wurde (Kröhnert).

Und noch ein aufmunterndes Wort in Sachen Demographie

Für eine attraktive Stadt wie Berlin ist das demographische Problem der Alterung nicht so schlimm – und, um es mal deutlich zu sagen, kreative Talente müssen ja nicht unbedingt jung sein! Solange es Raum gibt für Talente und Toleranz z.B. für Migranten, wird Berlin anziehend bleiben für diejenigen, die – auch aus dem Ausland – hierher ziehen und in einem Leben in Berlin ihre Zukunft sehen – und die auch das demographische Gleichgewicht in Bezug auf Alterung bewahren helfen.  Der demographische Faktor der Migration birgt allerdings auch ein potenzielles Problem: die Jugendlichen aus den Migrantenfamilien müssen auf den Bildungs- und Ausbildungsweg mitgenommen werden, gerade in einer Stadt, deren Zukunft in der Ausbildung und Wissenschaft liege (Junge-Reyer) – in einer Talentschmiede eben.

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Informationen & links

Talentschmiede Berlin_Kröhnert_Junge-Reyer

Steffen Kröhnert und Ingeborg Junge-Reyer

  • Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (mit Download-Möglichkeit für die Studie „Talente, Technologie, Toleranz – wo Deutschland Zukunft hat“)
    http://www.berlin-institut.org