"Raum für Ideen"
Nach dem derzeitigen Stand wird im Herbst 2008 der weltweit älteste Flughafen in Berlin Tempelhof seinen Betrieb einstellen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Senat, Franziska Eichstädt-Bohlig, bekräftigt auf der Veranstaltung der Berliner Wirtschaftsgespräche am 25. Juni: ohne öffentliches Geld wird sich der Flughafen Tempelhof nicht mehr rechnen.
Aber klar ist auch, dass mit der Schließung und damit der Durchsetzung des Konsensbeschlusses von Bund, Brandenburg und Berlin das Thema nicht abgeschlossen sein wird. Was geschieht mit den 290.000 qm Gebäudefläche und 360 ha Gelände?
Das Gebäude
Das Gebäude gehört zu 80% dem Bund und der Gedanke liegt nahe, es für eine öffentliche Institution zu nutzen. Zum Beispiel könnte das Verteidigungsministerium einziehen, wenn es nach Berlin kommen sollte. Ein inhaltlicher Bezug zum Ort wäre nicht von der Hand zu weisen und ein Neubau bzw. Mietkosten erübrigten sich. Allerdings müssten die riesigen Flächen in Tempelhof vor einer Büronutzung saniert und umgebaut werden. Dirk Kühnau, Vorstand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, veranschlagte die Kosten mit 3.500 €/qm. Da Berlin ein immenses Überangebot an Gewerberäumen hat, rentiert sich diese Idee nicht: Mieten ist billiger.
Das Gleiche gilt für eine stückweise Fremdvermietung. Die für einen wirtschaftlichen Betrieb notwendigen Mietpreise sind nicht konkurrenzfähig. Ein Großinvestor, der das komplette Gelände ohne Flugbetrieb nutzt, ist nicht in Sicht. Außerdem verlöre die öffentliche Hand damit die Möglichkeit, weitere Entwicklungen zu steuern.
Zwischenlösungen
Was angesichts leerer Kassen bleibt, sind kleinteilige (Zwischen-) Nutzungen: wer Räume braucht, richtet sie für den konkreten Bedarf her und kann sie gegen Zahlung der Betriebskosten nutzen. Damit legen sich die Eigentümer Bund und Land erstmal nicht fest, aber erfahrungsgemäß lässt sich eine solche Entwicklung nur schwer begrenzen. Wer Geld in das Gebäude steckt, will möglichst lange etwas davon haben.
Kreative Herausforderung für die Stadt
Gegen solche Bedenken argumentierte die zuständige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer: Man solle die leere Fläche nicht als Problem, sondern als Anreiz und Herausforderung für die kreativen Kräfte der Stadt betrachten. Tempelhof sei für alle kreativen Branchen geeignet, ob Wissenschaft, Forschung, Medien oder Kultur. Der Senat sei mit diversen Interessenten im Gespräch und hat für die Ideensammlung eine Internetseite eingerichtet, über die schon 500 Vorschläge eingegangen sind.
Auch Reinhard Janke - Vertreter des Bezirks Tempelhof, auf dessen Fläche der Flughafen zu zwei Dritteln liegt - sieht eine "kreative" Entwicklung positiv: Bei einer kleinteiligen Nutzung erhofft er sich Nischen für soziale Begegnungen und ehrenamtliche Initiativen, die in den dicht besiedelten Innenstadtbezirken jede Förderung gebrauchen können.
Das Gelände
In Bezug auf die Erschließung der 360 Hektar großen Freifläche gab es auf der Veranstaltung zwei Vorstellungen: langsam und kleinteilig von außen nach innen oder die großräumige Festlegung einer Gesamtstruktur.
Einig waren sich Ingeborg Junge-Reyer und Franziska Eichstädt-Bohlig: Eine schnelle Bebauung des Areals sei illusorisch. Stattdessen sollen je nach Bedarf an den Rändern Flächen zum Wohnen und Arbeiten erschlossen werden, zunächst locker und später verdichtet. Die Politikerin der Grünen schlug vor, hier auch die einmalige Chance zu einer innerstädtischen autofreien Öko-Siedlung zu nutzen.
Im Zentrum soll eine große Fläche unbebaut bleiben, als wenig reglementierter Freiraum für junge Menschen. Skater könnten die Landebahnen nutzen, Konzerte oder Jugendlager stattfinden, auch kulturelle Großereignisse wie z.B. die Love Parade sind denkbar.
Zuerst planen
Gegen diese pragmatischen Vorstellungen verteidigte der Stadtplaner und Historiker Dieter Hoffman-Axthelm das Primat der Planung. Eine Gesamtstruktur müsse die gestörte Verbindung zwischen den angrenzenden Bezirken wiederherstellen. Übergreifend geplante Achsen und öffentlich bereitgestellte Infrastruktur würden das Gelände durchlässig machen und die Möglichkeit schaffen, dass die Stadt hier wieder zusammenwächst. Nur so könne die Bevölkerung das Angebot annehmen und entsprechende Nutzungsmöglichkeiten entwickeln.
Sehen Sie selbst!
Wenn Sie sich selbst einen Eindruck von der Dimension der Aufgabe verschaffen wollen, erhalten Sie demnächst die Gelegenheit dazu. Die Senatorin für Stadtentwicklung kündigte an, dass für die Öffentlichkeit bald die Möglichkeit zur Begehung des Geländes bestehen soll.