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Ist der Klimawandel noch zu stoppen?
Alle Welt spricht von der Reduzierung der Treibhausgase, auch der Vorstandsvorsitzende des fünftgrößten Energiekonzerns in Europa: „Wir müssen das Problem jetzt anpacken“, sagt Lars Göran Josefsson. Zugleich erzeugt Vattenfall in der Lausitz Strom aus dem klimaschädlichsten fossilen Rohstoff schlechthin, aus Braunkohle. Wie passt das zusammen?
Wer den Klimawandel stoppen wolle, müsse sich für bezahlbare Mittel entscheiden, erklärte Josefsson auf der Diskussionsrunde der Berliner Wirtschaftsgespräche. Kohle sei in Deutschland günstig. Zudem werde es ab 2020 technisch möglich sein, emissionsfreie Kraftwerke zu bauen.
Lars Göran Josefsson ist die wohl schillernste Figur in der europäischen Energiebranche. Als die Manager der Konkurrenz die globale Erwärmung noch leugneten, hat der Chef des schwedischen Stromherstellers die Minderung von CO2-Gasen bereits gefordert. Während er zu Hause als „grüner Vorreiter“ gefeiert wird, bezeichnen ihn hiesige Umweltschützer als „janusköpfig“ bis „unglaubwürdig“. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn kürzlich als Berater zum Thema Klimaerwärmung engagiert. Er gilt als einer der wenigen Wirtschaftsbosse, die das Problem „intellektuell durchdrungen“ haben.
Globaler Emissionshandel
Umweltschutz funktioniert nur, wenn er profitabel wird - das ist das Credo von Josefsson. Durch finanzielle Anreize, etwa durch einen weltweit verbindlichen Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen, sei es möglich, die Marktkräfte in die richtige Richtung zu lenken. Vattenfall will mit der Studie „Global Climate Impact Abatement Map“ zeigen, welche Schritte nötig sind, um den Anstieg der Erderwärmung um zwei Grad zu begrenzen. Dazu müsse man auf allen Ebenen tätig werden, so Josefsson: in den Bereichen Energie und Industrie, Verkehr und Architektur, Forstwirtschaft und Landwirtschaft - und zwar weltweit.
Aus der Studie hat Vattenfall den sogenannten 3-C-Plan entwickelt: "Combat Climate Change". Über 30 Weltkonzerne unterstützen ihn, darunter auch Firmen aus Ländern, die dem Umweltschutz eher verhalten gegenüberstehen, wie Indien, China und USA. Seit Anfang des Jahres fliegt Josefsson rund um den Globus, um die Leitidee seiner Initiative zu verkünden, die er als „Appell an die Weltgemeinschaft“ versteht: „Wir können Klimagase zu vertretbaren Kosten reduzieren, durch sparsame Autos, besseres Isolieren von Häusern, durch Kernkraft oder Aufforsten von Wäldern.“ Voraussetzung sei, dass alle Länder mitmachten.
Bewusstseinswandel der Reichen
Vattenfall hat eine Rechnung aufgemacht, derzufolge die Klimakatastrophe abzuwenden sei, würde man bis 2030 pro Jahr lediglich 0,6 Prozent des Bruttoweltprodukts investieren. Josefsson will Profit und Umweltschutz verbinden. So sei der Emissionshandel als weltweites Instrument "unabdingbar". Doch der Manager weiß auch, dass finanzielle Anreize allein nicht genügen. Nötig sei ebenso ein Bewusstseinswandel, vor allem in den reichen Industrieländern. Denn ausgerechnet die Bewohner dieser Staaten, die für den Klimawandel in erster Linie verantwortlich sind, werden unter ihm voraussichtlich am wenigsten leiden. Die Gefahr sei darum groß, dass Amerikaner und Europäer die Folgen ihres jahrzehntelangen Tuns verdrängen oder tatenlos in Kauf nehmen.
Kohlekraftwerke in Deutschland logisch
Dem Schweden wird für seine globalen Bemühungen viel Anerkennung zuteil. Gleichwohl muss er sich immer wieder fragen lassen, warum er nicht gründlicher vor der eigenen Tür kehre: Vattenfall ist hinter RWE und Eon der drittgrößte CO2-Emittent Europas. In der Lausitz betreibt der Konzern drei Braunkohlekraftwerke und baut derzeit ein viertes; in Hamburg-Moorburg entsteht ein außergewöhnlich großes Steinkohlekraftwerk mit einer Leistung von 1640 Megawatt. Allein die beiden neuen Kraftwerke werden rund 14 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Luft pusten.
In Deutschland Kohlekraftwerke zu errichten sei nur logisch, sagt Josefsson. Braunkohle sei reichlich vorhanden und leicht abbaubar - ihre Verfeuerung im Übrigen von der Politik gewollt. Als großer Stromlieferant halte es Vattenfall zudem für unverantwortlich, einseitig auf sogenannte grüne Energien zu setzen. Darum baue der Konzern auf drei Säulen: Uran, Kohle und erneuerbare Energiequellen wie Wasser und Wind.
Doch warum soll erst in 20 Jahren die Technik reif sein, um den Emissionsausstoß von Kohlekraftwerken zu reduzieren oder gar ganz zu vermeiden? Bei Einwänden wie diesen wird Josefsson etwas ungehalten. Manchen Kritikern fehle „das Bewusstsein für eine längere Sicht“, man müsse realistisch bleiben. Das eigentliche Problem sei nicht der Ausstoß von heute, sondern der in 20 Jahren. Das neue Braunkohlekraftwerk Boxberg in Sachsen werde effizienter arbeiten als alle vorherigen. Und vor der schwedischen Küste errichte Vattenfall mit 48 Turbinen einen der größten Windkraftparks Europas. Das Ziel der EU, die Emissionen bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent zu reduzieren, sei schon ehrgeizig. Doch Vattenfall gehe noch einen Schritt weiter: Sein Konzern wolle die Halbierung der Abgase bereits 20 Jahre früher, im Jahr 2030 erreichen.