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BWG Dossiers > Kunst, Kultur & Kommerz > Ausbildung fürs Wilde Leben

„Die Hochschulen fördern die Vorbereitung ihrer Studierenden […] auf Existenzgründungen insbesondere durch geeignete Lehrangebote.“ So wird es in den Berliner Hochschulverträgen gefordert(§12 (3). In Seminaren und mit der Unterstützung von Career Centern sollen die Studenten der künstlerischen Hochschulen darauf vorbereitet werden, nach dem Studium von ihren kreativen Talenten auch leben zu können. Soweit die Idealvorstellung. Wie es mit der Wirklichkeit steht, diskutierte
Angela Pritzkow
von den Berliner Wirtschaftsgesprächen mit Kay Hunsicker, Schauspiel-, Stimm- und Präsentationscoach (Absolvent der Universität der Künste Berlin), Dr. Hans-Gerhard Husung (Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung), Anita Panknin (Referatsleiterin Studienangelegenheiten der Universität der Künste Berlin), Prof. Dr. Klaus Semlinger (Vizepräsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) und Andreea Vrajitoru (Designerin und Inhaberin des Modelabels adddress sowie Absolventin der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin).

Wieso ist dieses Thema von Bedeutung?

Die Zahl der Unternehmen im Bereich Kreativwirtschaft wächst, der Trend geht hin zur Selbstständigkeit, weg von der abhängigen Beschäftigung. Aber sind die Absolventen wirklich auf die Selbstständigkeit vorbereitet? Zu Beginn herrschen oft prekäre Einkommensverhältnisse von um die 10.000 € im Jahr. Verfügen die Hochschulen über ausreichend Instrumente, um den Weg in eine Existenz sichernde Selbstständigkeit zu ebnen?

Wie sieht die aktuelle Situation an den Berliner Hochschulen aus – werden die Vertragsvereinbarungen umgesetzt?

Dr. Hans-Gerhard Husung bestätigt die Umsetzung der Verträge durch die Hochschulen. Die Instrumente, die hierbei eingesetzt werden, seien unterschiedlicher Natur und reichten von hauptberuflichen Professuren für Entrepreneurship über Seminare, die Dozenten aus der Praxis geben bis zu den Angeboten der Career Center. Diese Rahmenbedingungen könnten allerdings keine Existenz sichern – der tatsächliche Praxistest findet außerhalb der Hochschulen statt. Er sei skeptisch, ob man Existenzgründung theoretisch lernen könne. Ideal sei seines Erachtens, das gewünschte Betätigungsfeld drei bis vier Jahre kennen zu lernen, um sich dann selbstständig zu machen.

Was ist anders bei den Kreativen?

Für die Studierenden kreativer Studiengänge steht naturgemäß der schöpferische Entwicklungsprozess an erster Stelle. Man müsse daher im Modebereich wie in allen kreativen Studiengängen betriebswirtschaftliche Kenntnisse mit dem kreativen Input koppeln, um die Studierenden zu unternehmerischem Denken zu qualifizieren, so Prof. Dr. Klaus Semlinger. Viele scheitern, weil sie in ihre Gründungsidee verliebt sind und sich nicht fragen, ob z.B. jemand dafür bezahlen will oder wie sie Preise verhandeln. Oft entsteht eine Gründungsidee schon während des Studiums – deren Umsetzung sollte aber erst nach Studienabschluss erfolgen, um bei einem Scheitern auf die Ausbildung zurückgreifen zu können.

Während die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) durch ihre Ausrichtung auf Ressourcen eigener wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge zurückgreifen kann, ist die Universität der Künste (UdK) eine rein künstlerische Hochschule. Die Berufsvorbereitung stehe nicht im Vordergrund, so Anita Panknin, sondern ein kreativer Prozess, der gemeinsam mit dem Lehrer durchlaufen werde – und durchaus auch von Brüchen und Lehrerwechseln gekennzeichnet sei. Da könne man nicht immer auf die Marktfähigkeit schauen, obwohl diese natürlich auch gewünscht werde. Kursangebote z.B. am Career Center würden bezeichnenderweise zu 80% von Absolventen in Anspruch genommen. Zuerst werde versucht, die Selbstständigkeit im Alleingang zu meistern und erst, wenn Probleme auftreten, wird Unterstützung gesucht.

 

…und wie wird damit umgegangen?

An der FHTW wir zunehmend versucht, die Vermittlung unternehmerischen Denkens zu integrieren. Vor einigen Jahren habe es auch schon ein Existenzgründerseminar gegeben, das auf großes Interesse bei den Studierenden gestoßen sei, berichtet Andreea Vrajitoru. Allerdings sei der Mehrwert gering gewesen, da es zu wenig spezialisiert gewesen sei und von der Landwirtschaft bis zu den kreativen Berufen alles abgedeckt habe. Inzwischen werden studienbezogene Kurse angeboten, zu Beispiel zum Thema Gebrauchsmusterschutz. Laut Semlinger habe man BWL als Wahlfach den Kollegen und Studierenden erst schmackhaft machen müssen. Jetzt gibt es ein differenziertes Beratungsangebot für diejenigen, die in die Selbstständigkeit wollen und die, die eine abhängige Beschäftigung anstreben. Es wird Einzelberatung angeboten, Coaching und, neu in diesem Jahr, eine Summer School. Im Modebereich ist das Angebot zu BWL und Marketing inzwischen ausgeweitet worden und in die Lehre integriert. Seit 2005 engagiert sich die FHTW auch mit Gründerplanspielen an Schulen.

Der Skepsis vieler UdK Studierender gegenüber wirtschaftlich orientierter Kurse begegnet man mit innovativen Überschriften wie  „Frog U! Kunst küsst Marketing“. Eine Praxisorientierung vermitteln aber auch die Zusammenarbeit mit der Galerie für Designtransfer und der Erfahrungstransfer durch die als Künstler wirtschaftlich tätigen Professoren.

Ferner bietet das Career Center interdisziplinäre Kurse an zu Themen wie Selbstvermarktung oder Patentrecht.

Wissenstransfer durch „Praktiker“ und Alumni

Eine Zusammenarbeit ist nicht nur gewünscht, sondern wir gefördert, so geben „Praktiker“ Kurse an den Career Centern, an der FHTW werden Gründertreffen abgehalten und an der UdK wird durch verschiedene Projekte der Kontakt mit der Wirtschaft gesucht. Die Verpflichtung von Kooperationspartnern scheitert aber häufig an den geringen Budgets, das einzelnen Programmen für internes und externes Marketing zur Verfügung steht.

Aus dieser Situation heraus entdeckt die Hochschule zunehmend das Potential ihrer Alumnis. Deren Aufgeschlossenheit wird genutzt und verbindet die Vorteile eines aktuellen Praxiswissens und eines geringeren Altersabstandes zu den Studierenden. Allerdings, so Andreea Vrajitoru, müsse man bei der Vermittlung eigener Praxiserfahrung vorsichtig sein, um nicht zu subjektiv zu werden. Es müsse immer klar sein, dass die eigene Erfahrung nur als ein Beispiel dienen kann.

Dossier_Wildes Leben_Podium

Was ist gut – und was kann noch besser werden?

Während seines Studiums sei er nicht auf eine mögliche Selbstständigkeit vorbereitet worden, so Kay Hunsicker – aber er scheint es auch nicht vermisst zu haben. Denn durch Projekte wie den Werbekongress, wo Studierenden für die Entwicklung einer Idee von Unternehmen ein Budget zur Verfügung gestellt wird, werden die Projektteams unternehmerisch gefordert.

Es sei wichtig, die Fähigkeiten der Absolventen in Teams zu bündeln. Auch seine Erfahrungen mit Coaching und der Bewerbung für ein EXIST-Gründerstipendium waren durchweg positiver Natur. Man müsse einfach die existierenden Angebote annehmen! Allgemein vermisse er in Deutschland einen starken unternehmerischen Geist und würde sich für das Studium wünschen, dass durch Lehrkräfte aus anderen Ländern auch der Einfluss anderer unternehmerischer Mentalitäten wirksam würde. In diesem Zusammenhang gibt er zu bedenken, dass es gut wäre, schon an den Schulen unternehmerisches Denken zu fördern. Hier könnte man überlegen, ob man eine Talentsichtung und -förderung für den unternehmerischen Bereich machen könne, ähnlich wie es für den Sport gang und gäbe sei (Semlinger). Allerdings könne man nicht immer alles an die Schule schieben und müsse auch eine Eigenverantwortlichkeit in der Bildung im Auge behalten (Husung). Eine gute Idee wären spezialisierte Existenzgründerseminare und vor allem ein Überblick über die verschiedenen Berufsfelder, die einem die Ausbildung eröffnet (Vrajitoru). Adressatengerechte Schulungen sind auf jeden Fall sinnvoll um die Studierenden in den Stand zu versetzen, sich verantwortlich für oder gegen eine Selbständigkeit zu entscheiden.

Einig ist man sich darüber, dass vorhandene Angebote für Begegnungen intern und extern besser kommuniziert werden müssen. Es gebe in Berlin keinen Mangel an Treff- und Organisationsmöglichkeiten. Man sehe es bei der Arbeit am Masterplan Kreativwirtschaft – es ist schon viel vorhanden, der Staat müsse nur noch ‚nachjustieren’ und die soziale Kommunikation fördern, um Menschen mit Ideen mit Venture Capitalists zusammenbringen, so Husung.

Was soll die Zukunft bringen?

Zunächst müsse man Existierendes stabilisieren, so Anita Panknin, wünscht sich aber, dass man in Zukunft die Studierenden früher abholt in Bezug auf unternehmerische Bildung und Professuren fördert, die sich besonders um Talente kümmern. Gründerporträts könnten den Studierenden als Anregung und Ansporn dienen. Kay Hunsicker wünscht sich den früheren Beginn der Wissensvermittlung in Sachen BWL und Marketing und dass mehr auf interessante Studiengangkombinationen gebaut wird (z.B. Kunst/Marketing). Hans Gerhard Husung möchte die Phase des Studiums als letzte Chance zur Reflektion betrachtet wissen. Er plädiert dafür, dass die Leistung der Hochschule sichtbarer und stärker anerkannt wird. Die Hochschulen sollten die Studierenden unbedingt über das Wesen der Selbständigkeit aufklären, Talente fördern und Türen öffnen – wünscht sich Andreea Vrajitoru. Klaus Semlingers Wünsche sind konkret: Mehr Marketing in die Hochschulen hineintragen, mehr individuelle Beratung leisten, mehr Drittmittel akquirieren. Dazu mehr Unterstützung von Partnern aus der Praxis, verbunden mit einem stärkeren Außenmarketing.

Jetzt müssen all diese Wünsche nur noch erfüllt werden…

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Dr. Klaus Semlinger und Andreea Vrajitoru